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	<title>Negativpresse Ost</title>
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	<description>Die ostdeutsche Provinz in der gesamtdeutschen Medienlandschaft</description>
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		<title>Negativpresse Ost</title>
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		<title>Irrweg durchs Tabu. Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1994 über Christa Wolf.</title>
		<link>http://negativpresse.wordpress.com/2012/02/05/1994/</link>
		<comments>http://negativpresse.wordpress.com/2012/02/05/1994/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 13:52:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurse]]></category>
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		<category><![CDATA[Kunst - Kultur - Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[1990er]]></category>
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		<description><![CDATA[Autor: Marcel Reich-Ranicki Titel: Tante Christa, Mutter Wolfen. (Online) Erschienen in:  DER SPIEGEL, 14/1994, S. 194-197 über: Christa Wolf, ihre Rolle in der DDR und Ostdeutschland und irgendwie auch über ihr Buch Auf dem Weg nach Tabou (Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1994) Marcel Reich-Ranicki als Geistesgröße der alten und neuen Bundesrepublik zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=134&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Autor</strong>: Marcel Reich-Ranicki<br />
<strong>Titel</strong>: Tante Christa, Mutter Wolfen. (<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9279670.html">Online</a>)<br />
<strong>Erschienen in:  </strong>DER SPIEGEL, 14/1994, S. 194-197<br />
<strong>über</strong>: Christa Wolf, ihre Rolle in der DDR und Ostdeutschland und irgendwie auch über ihr Buch <em>Auf dem Weg nach Tabou</em> (Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1994)</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki als Geistesgröße der alten und neuen Bundesrepublik zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. Als Doyen der Literaturkritik ist er nach wie vor jemand, der in jedem medialen Zusammenhang, in den er eintritt, sofort den Mittelpunkt markiert. Lange Zeit war er unangefochtener Patriarch des Geschmacksurteils. So streitbar und oft auch verletzend er dabei auftrat, so unzweifelhaft war seine Rolle als Meinungsführer, auch wenn seine fachlichen Urteile bei genauerer Betrachtung bisweilen von einer erschreckenden Indifferenz, starren Deutungsmustern und absoluten (Vor-)Urteilen geprägt waren (und sind). Und so viel er von der Literatur an sich verstand und versteht, so wenig lag ihm, wie man heute regelmäßig in der Rubrik <em><a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie-reich-ranicki/">Fragen Sie Reich-Ranicki</a></em> der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht, an einem Blick, der seine Voranahmen ein wenig in Reflexion bringen konnte. Die Horizontlinien standen irgendwann fest und diese Mauer überlebte unter anderem auch das Jahr 1989.</p>
<div id="attachment_135" class="wp-caption alignnone" style="width: 500px"><img class="size-full wp-image-135" title="revolution_dresden" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/02/revolution_dresden.jpg?w=490&#038;h=364" alt="Revolution" width="490" height="364" /><p class="wp-caption-text">Und der Zukunft abgewandt? Für Marcel Reich-Ranicki war die Welt von Hammer, Zirkel und Ährenkranz bereits am 4.11.1989 irreparabel entzwei. Dass Christa Wolf noch etwas anderes im Blick hatte, konnte er ihr 1994 nicht nachsehen.  </p></div>
<p><span id="more-134"></span>Einen besonders deutlichen Beleg bildet ein Verriss, den er im Jahr 1994 im SPIEGEL Christa Wolf zukommen ließ, einer Autorin, die nicht nur Andrea Hanna Hünniger zu den bewahrens- und referenzierenswerten Künstlerpersönlichkeiten der DDR <a href="http://negativpresse.wordpress.com/2012/01/24/jener-paradies-zu-einem-interview-mit-andrea-hanna-hunniger-in-der-suddeutschen-zeitung/">zählt</a>, die auch in der Literatur nach 1990 eine mehr als bemerkenswerte Rolle spielte und die sich dabei zugleich besonders in den frühen 1990ern heftigen persönlichen Angriffen aus vielen Richtungen ausgesetzt sah.</p>
<p>Der Text Marcel Reich-Ranickis ist ein solcher Affront. Allerdings ein überdurchschnittlicher, der in der ihm eigenen hochelaborierten Form der Polemik und persönlichen Attacke mit voller Kraft über das Ziel der Buchbesprechung deutlich hinausschoss. Als gelbes Eckbanner auf dem Titelblatt gedruckt sah man Anfang April 1994 sein Urteil schon am Kiosk-Aushang: <em>&#8222;Marcel Reich-Ranicki über Christa Wolf: „Sie war und ist verblendet.&#8220;</em> prangen.</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki ging es bei seiner Besprechung der Textsammlung „Auf dem Weg nach Tabou“ weniger um die Texte, als um eine (wiederholte) gnadenlose Abrechnung mit der Autorin, mit der er nie sonderlich viel anfangen konnte. Und die er, was sein Problem war, mit der ihm nicht minder verhassten DDR identifizierte.</p>
<p>Er fuhr dabei zunächst die eher kleinen gemeinen rhetorischen Geschütze auf, die ihm zur Verfügung stehen:</p>
<blockquote><p>„[O]bwohl Christa Wolf den größten Teil ihres Lebens in Berlin verbracht hat und auch nie Lehrerin war, fällt es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, daß es eine Volksschullehrerin aus der Provinz ist, eine tüchtige und eifrige, die sich unentwegt bemüht, uns die Augen zu öffnen, uns zu warnen und zu ermahnen.“</p></blockquote>
<p>Das könnte wortgleich auch aus dem Aufsatz eines leicht blasierten Zwölftklässers im Deutschleistungskurs stammen, der es einer Referendarin mit seiner auf Originalität getrimmten Altklugheit mal so richtig zeigen möchte. Bei Marcel Reich-Ranicki lässt so ein Seifengebläse eher an einen Loriot-Sketch denken: Das Bild hängt schief.</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki pickt sich in der Folge alles raus, was eigentlich Ansichtssache ist, und schlägt es kurz und klein, damit seine Prämisse, die er vom hohen Ross auf die Ostdichterin schleudert, auch stimmt. So zieht Reich-Ranicki einem introspektivem Satz wie „Beim Schreiben kann man ja nicht lügen, sonst wird man blockiert.“ mit voller Wucht den Knüppel über, dass doch so manches literarisches Genie ein ausgemachter Flunkerer war. Wohl wahr. Doch vergreift er sich hier schlicht in der Kategorie, denn um diese Art von Lüge ging es Christa Wolf nicht.</p>
<p>Und dann prescht der wackere Kritiker los und geißelt sie für ihre Rede am 4. November, in der sie – im Zeitzusammenhang durchaus nachvollziehbar – eine alternative DDR und den Traum einer besseren Gesellschaft aufs Rednerpult brachte. In weiter Umsicht aus einer anderen Perspektive konnte die Deutungsprominenz aus Frankfurt am Main die Situation klar demontieren:</p>
<blockquote><p>„Was tut also Christa Wolf angesichts dramatischer politischer Vorgänge in der Stunde der Gefahr und der Hoffnung? Sie träumt. Und sie empfiehlt dem Volk, dies ebenfalls zu tun. Es ist kaum zu fassen: Sie war damals tatsächlich überzeugt, die Berliner hätten nicht etwa gegen den Staat demonstriert, den sie längst zu allen Teufeln wünschten, sondern für eine „revolutionäre Erneuerung“. Im backfischhaften Übermut rief sie: „Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! Die Arme, sie hatte von der politischen Situation im Herbst 1989 absolut nichts begriffen.“</p></blockquote>
<p>Marcel Reich-Ranicki transportiert hiermit die so verkehrte wie ambivalente westdeutsche Deutung der ostdeutschen Vorgänge im Herbst 1989 einfach weiter, die davon ausging, dass es jedem sofort und ausschließlich um den Anschluss an die Bundesrepublik und die D-Mark gehen musste. Er, der nichts so verachtet, wie das Mittelmaß, erhebt ausgerechnet die öffentliche Anpassung an eine vermeintliche Massenmeinung zum entscheidenden Kriterium. Er degradiert die Demonstration vom 4.11.1989 zu einer Sache der Einwohner der Hauptstadt der DDR. Und er demütigt Christa Wolf mit der Zuschreibung, sie sei eine derangierte Träumerin, die in ihrer Naivität noch nicht bereit ist, sich dem überlegenden System hinzugeben.</p>
<p>Jegliche Form von Alternativen zum Kohl’schen Wiedervereinigungsweg waren, so Marcel Reich-Ranicki und viele andere Beobachter dieser Zeit, weder wünschenswert noch möglich. Und sehenden Auges marschiert Reich-Ranicki in den Selbstwiderspruch:</p>
<blockquote><p>„Sie scheint immer noch nicht verstanden zu haben, daß jene, die der Autorität hörig sind, die Konflikte mit der Mehrheit scheuen, die den Widerspruch fürchten und den Widerstand – daß sie sich nicht für die Politik eignen.“</p></blockquote>
<p>Wenn sie sich nun, wie er es behauptet, peinlich mit einer Einzelmeinung (träumen, alternativer Sozialismus) vor der eine Million Köpfe zählenden Menge exponierte, die laut Reich-Ranicki ja nichts anderes wollte, als das, wofür sich Christa Wolf aussprach, zum Teufel zu wünschen, dann zeugt das nicht gerade von Scheu vor dem Konflikt und Furcht vor dem Widerspruch und also auch nicht von mangelnder Eignung für die Politik nach Reich-Ranickis Lesart.</p>
<blockquote><p>„Es geht nicht darum, daß sie verblendet war,“</p></blockquote>
<p>schulmeistert Reich-Ranicki weiter,</p>
<blockquote><p> „sondern daß sie es geblieben ist: Man dürfe nicht – schreibt sie im Jahre 1994! – die DDR auf den Begriff „Unrechtsstaat“ reduzieren oder sie gar dem „Reich des Bösen“ zuordnen.“</p></blockquote>
<p>Und polemisiert nicht sonderlich gewitzt voran:</p>
<blockquote><p>„Gewiß doch: „Unrechtsstaat“ ist für eine Tyrannei eine etwas beschönigende Bezeichnung, und man kann die DDR, die Millionen Menschen wie Häftlinge behandelt hat, nicht dem Reich des Bösen zuordnen, sie war es.“</p></blockquote>
<p>Dass man sich mit der Allround-Deutung „Unrechtsstaat“ bzw. „Reich des Bösen“ nicht nur einer gravierenden generellen Simplifizierung schuldig macht, sondern auch all denen, die aus welchen Gründen auch immer ihr Leben in der DDR arrangiert haben und sich irgendwie nicht pausenlos drangsaliert und gefangen fühlten, das Zeugnis der ewigen Schuld in die neuen Markenschuhe schiebt, nimmt man genauso in Kauf, wie entsprechende Gegenreaktionen der Betroffenen und Gemeinten. Denn eventuelle Entgegnungen bestätigen ja erwartungsgemäß immer die eigene überlegende Position. Die bequeme rhetorische Strategie dahinter lautet: Wer dieser Deutung der DDR als „Reich des Bösen“ nicht zustimmt, war und ist verloren, verblendet und verdächtig. Oder wenigstens tumb-weinerlich (bzw. larmoyant und sentimental).</p>
<p>Diese Auslegung pflegt die Schule dieses Denkens auch dort, wo sie selbst weiß, wie dürftig ihr Argument ist:</p>
<blockquote><p>„Gewiß, eine zuverlässige Parteiautorin war Christa Wolf nicht, aber doch eine Staatsdienerin, die man mit Nationalpreisen auszeichnete. Wenn man sie im Westen gelegentlich für eine Mitläuferin hielt, so täuschte man sich gründlich. Eine Mitläuferin war sie keineswegs, wohl aber eine Repräsentantin.“</p></blockquote>
<p>Das ist der schmale Grat, auf dem Marcel Reich-Ranicki larviert, der doch zu klug ist, um sich völlig seinen Stereotypen hinzugeben. Man sieht, wie er sich in der dünnen Luft seiner Argumentation müht. Und doch versagt er völlig, wenn er angesichts der wenige Zeilen zuvor vorgenommenen Vollstigmatisierung der DDR als das „Reich des Bösen“ zu einem Wolf-Zitat anmerkt:</p>
<blockquote><p>„Denn: „Die Deutschen brauchen es so sehr, andere fertigzumachen.“ Das verschlägt mir den Atem. Seit ich in meiner Kindheit gehört habe, daß die Juden und die Polen betrügen und schmutzig seien und überdies Untermenschen, fürchte ich solche Generalisierungen und seit ich weiß, was man den Juden und den Polen angetan hat, bringen mich derartige Verallgemeinerungen in Rage.“</p></blockquote>
<p>Dass es vorwiegend Deutsche waren, die den Juden und Polen das antaten, worauf er sich beruft, müsste ihn eigentlich für Christa Wolfs für die Aussage offen stimmen, die er sorgfältig aus dem Originalzusammenhang schält, um sie ohne eigentlichen Bezug dafür zu benutzen, das Fass seiner Schmähkritik auch noch zur sensibelsten Dimension der deutschen Geschichte hin zu öffnen. Er vertieft es jedoch nicht weiter, was bei dieser Kontextualisierung zwingend notwendig wäre, sondern posaunt nur empört herum, bevor er zum nächsten Schlagwort greift. Und gerade dieses Vorgehen gibt der Sache noch mehr Geschmäckle.</p>
<p>Reich-Ranicki bleibt fortlaufend weiter atemlos, denn die Wolf erdreistet sich doch tatsächlich, ihre eigene Situation in Erinnerungen auf Reisen zum Hölderlinturm, zum Grab Georg Büchners und zu Bertolt Brechts kalifornischem Exilwohnort zu spiegeln und zu behaupten: „Ich lernte mich als deutsche Schriftstellerin sehen.“</p>
<p>Mehr Frevel war der größten Literaturinstanz des Nachkriegs- bis Nachwendedeutschlands kaum denkbar:</p>
<blockquote><p>„Das verschlägt mir abermals den Atem: Sie hat keine Hemmungen, sich in eine Reihe mit den Größten zu stellen. Ist es etwa Schamlosigkeit? Nein, Geschmacklosigkeit.“</p></blockquote>
<p>Er ergänzt tatsächlich etwas atemlos noch ein paar verreißerische Spitzen zur Qualität ihrer Arbeiten. („Nicht einmal in den Lesebüchern, die man in meiner Jugend an preußischen Gymnasien verwendete, war derartiges zu finden.“) aber die Kanone zielt hier nicht auf den Spatzen des Buches, um das es eigentlich gehen sollte, sondern auf bestimmte ostdeutsche Einstellungsmuster:</p>
<blockquote><p>„In DDR-Zeiten war sie ein Idol, zumal westlich der Elbe, heute ist sie es wieder, zumal östlich der Elbe. […] sie war zunächst die brave Tante Christa aus Landsberg an der Warthe, und sie ist mittlerweile die Mutter Wolfen der alten DDR.“</p></blockquote>
<p>Marcel Reich-Ranicki fehlte vermutlich wirklich das Quäntchen Orwocolor, das ihm geholfen hätte, aus seinem Schwarz-Weiß auszubrechen. Aber er war 1994 bereits 73 und damit sicher auch nicht mehr übermäßig gewillt, den über Jahrzehnte angelegten Kriterienkatalog von gut und schlecht neu zu verfeinern. Was ihm in diesem Fall blieb, war sein Eimer Galle. Und die eher hart als zart ausgespielte Deutungsmacht des SPIEGELs bot für diesen Reduktionsjournalismus eine dankbare Plattform, von der sich so manche bittere Breitseite gegen den vermeintlich unbelehrbaren und undankbaren Teil der Ostdeutschen – also pauschal gegen jene, die sich auch das ihnen neue System gleichwie zu hinterfragen trauten – feuern ließ:</p>
<blockquote><p>„Ob es ihr gefällt oder nicht: Sie [Christa Wolf] wird gebraucht und wohl auch mißbraucht als Identifikationsfigur. Verärgerte und enttäuschte Bürger der neuen Bundesländer, die Zukurzgekommenen und Benachteiligten, jene, denen es nicht ganz so gut geht wie zu Ulbrichts und Honeckers Zeiten, alle, die damals in mehr oder weniger ernste Verstrickungen geraten sind – sie glauben, die Leiden der berühmten, doch heute so oft attackierten Schriftstellerin können sie trösten und entsühnen.“</p></blockquote>
<p>Der Aspekt der Identifikation ist zwar grotesk überbewertet, sachlich aber nicht ohne Fundament. Nur hätte man auch diesen Aspekt anders herausarbeiten müssen, um ernstgenommen zu werden. Die zynische Sense, als die die Moralinstanz Reich-Ranicki seine bekannte persönliche Grundabneigung gegen Christa Wolf – „deren künstlerische und intellektuelle Möglichkeiten eher bescheiden sind“ so Reich-Ranicki bereits 1987  – benutzte, um ihm verständlicherweise oft unverständliche Positionen jenseits der Elbe auf Gleichmaß zu kürzen, ist dagegen auch heute noch dreifach bemerkenswert: bemerkenswert eindimensional, bemerkenswert tieffliegend, bemerkenswert stumpf.</p>
<p>Sowohl dem Intellektuellen wie auch dem Moralisten Marcel Reich-Ranicki muss man an dieser Stelle vorwerfen, dass ein so kluger Kopf wie seiner nicht erkannte, dass sein ganzer Artikel zu nichts anderem diente, als dem, was er beschrieb:</p>
<blockquote><p>„Ob es ihr gefällt oder nicht: Sie wird gebraucht und wohl auch mißbraucht als Identifikationsfigur“</p></blockquote>
<p style="text-align:right;">Berlin, 30.01.2012</p>
<p style="text-align:right;">(Foto: Martin Maleschka / <a href="http://www.flickr.com/photos/kunst-am-bau-ddr/6623433679/in/set-72157628093895053">http://www.flickr.com/photos/kunst-am-bau-ddr/6623433679/in/set-72157628093895053</a>.)</p>
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		<title>Das Rohe und das Zerkochte. Zur Debatte um den Rechtsradikalismus in Ostdeutschland.</title>
		<link>http://negativpresse.wordpress.com/2012/02/02/feb12/</link>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 15:52:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskurse]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsradikalismus]]></category>
		<category><![CDATA[1990er]]></category>
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		<category><![CDATA[Nachwendezeit]]></category>
		<category><![CDATA[Identitätskonstruktion]]></category>
		<category><![CDATA[Vergangenheitsbewältigung]]></category>

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		<description><![CDATA[Autor: Jens Bisky Titel: „Meine Nazis&#8220;, „Deine Nazis&#8220; &#8211; ein müßiges Spiel. Wie braun ist der Osten? Eine Debatte, die nicht vorankommen will. (Online) Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 01.02.2012, S. 11 über: die Debatte zu den Wurzeln des ostdeutschen Rechtsradikalismus I Irgendwann in den 1980er Jahren liefen nach Schulschluss drei Fünftklässler  in der sozialistischen Vorzeigestadt Eisenhüttenstadt von [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=117&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;" align="center"><strong>Autor</strong>: Jens Bisky<br />
<strong>Titel</strong>: „Meine Nazis&#8220;, „Deine Nazis&#8220; &#8211; ein müßiges Spiel. Wie braun ist der Osten? Eine Debatte, die nicht vorankommen will. (<a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/rechtsextreme-gewalt-in-deutschland-meine-nazis-deine-nazis-1.1272038">Online</a>)<br />
<strong>Erschienen in: </strong>Süddeutsche Zeitung, 01.02.2012, S. 11<strong><br />
</strong><strong>über</strong>: die Debatte zu den Wurzeln des ostdeutschen Rechtsradikalismus</p>
<p align="center">I</p>
<p>Irgendwann in den 1980er Jahren liefen nach Schulschluss drei Fünftklässler  in der sozialistischen Vorzeigestadt Eisenhüttenstadt von der POS V „Juri Gagarin“ durch den V. Wohnkomplex heim und unterhielten sich über die richtige Handhaltung beim „deutschen Gruß“. Sie waren bepackt mit Ranzen und Turnbeutel und stritten sich ein bisschen darüber, ob die Hand dazu über die Schulter nach hinten gebogen zu halten sei, wie einer es in einem Film gesehen haben wollte. Oder ob der rechte Arm kerzengerade schräg nach oben wegzustrecken sei, wie man es auf Fotografien aus einem Geschichtsbuch kannte. Zur Verdeutlichung blieb einer der drei Jungen, imitierte, was er vom Foto kannte und rief halblaut seinen Begleitern entgegen „Heil Hitler.“ Ein älterer Passant, der ihnen entgegen kam, sprang  sofort auf den Jungen zu, lief hochrot an und brüllte: „Weißt Du überhaupt, was Du hier machst!“ Er griff ihn an der Jacke und wenig ruhiger ratterte er auf die drei verängstigten Burschen ein: „Welche Schule? Wie heißt hier? Das werde ich melden. Ich werde dafür sorgen, daß das Konsequenzen hat. Für solche wie Euch ist bei uns kein Platz!“</p>
<div id="attachment_118" class="wp-caption alignnone" style="width: 460px"><img class="size-full wp-image-118" title="graffiti_1" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/02/graffiti_1.jpg?w=490" alt="Graffiti Eisenhüttenstadt - Februar 2012"   /><p class="wp-caption-text">Hitler kaputt? Nur weil man etwas durchstreicht ist es noch lang nicht verschwunden. Bisweilen ist der Effekt sogar gegenteilig, nämlich dann, wenn das Geächtete als Gegenpol zum Etablierten von denen herangezogen werden kann, die sich im Etablierten nicht wieder finden. Zumal wenn allein schon die Anspielung genügt, um sehr viel Lärm zu schlagen.</p></div>
<p><span id="more-117"></span>Ich erinnere mich nicht genau, ob wir uns losrissen, ob dem Mann seine groteske Überreaktion bewusst und/oder seine Einschüchterung, deren Wirkung er unschwer in unseren Gesichtern lesen konnte, ausreichend war. Aber was wir uns merkten, was wir eigentlich schon zuvor wussten bzw. hätten wissen sollen, war, welch extremes Provokationspotential in jeder noch so kleinen Referenz auf das Dritte Reich zu dieser Zeit in der DDR gegeben war. Ein hingekritzeltes Hakenkreuz in einem Schulheft konnte erhebliche biografische Folgen nach sich ziehen. Zugleich wurden Runen und Hakenkreuze manchmal nachts in den Lack der Automobile westdeutscher Besucher gekratzt um ihnen zu zeigen, dass man hier Westdeutschland mit Nazismus gleichsetzt. Und der Staatsbürgerunterricht gab sich häufig wenig Mühe, dies nicht zu vermitteln.</p>
<p>Mit der Geschichte und ihren Spuren verfuhr man in der DDR in der Regel pauschal, schwarz-weiß und dem geltenden Weltbild entsprechend. Ein Frühwarnsystem sorgte dafür, dass man die Schere nicht nur im Kopf der Schüler bezüglich differenzierter und differenzierender Fragen heran züchtete, sondern deren Zuschnitte auch völlig überzogen überwachte. Eine, vielleicht aus Nachlässigkeit, vielleicht aus Neugierde offensive Formulierung im Schulaufsatz konnte gravierende Konsequenzen haben. Provokation war Provokation. Man unterschied nicht oder selten nach der Intention des mutmaßlich Provozierenden, der manchmal auch einfach ohne Provokationsanspruch dort nachfragte, wo sich eine Frage aus seiner Sicht aufdrängte.</p>
<p>Wenn man in der DDR-Schule plump provozieren wollte, brauchte man nur einen Filzstift und den Mut zum Swastika. Die Reaktionen waren vorhersehbar. Nach 1989 brach dies auf einmal fort, die aufmerksamen Passanten waren vielleicht immer noch aufmerksam, aber nun machtlos. Man konnte sie provozieren und sich daran erfreuen, wie sie sich provoziert fühlten. Die Folgen waren gering, schienen doch die, die etwas hätten tun können, nun selber schuldig, denn sie hatte ihre Biografie ebenfalls, so der Medientenor, im Dienste einer Diktatur herunter gelebt.</p>
<p align="center">II</p>
<p style="text-align:left;" align="center">Man muss auch diese Facetten beachten, wenn man nach den Wurzeln des Rechtsradikalismus in der DDR sucht, der sich in den frühen 1990er Jahren geradezu eruptiv in Ostdeutschland entlud. Erstaunlicherweise findet sich dieser Aspekt seltener beleuchtet, obschon das Thema selbst diese Woche dank einer <a href="http://www.stiftung-aufarbeitung.de/aktuelles-1230,45,9.html">Veranstaltung</a> der <a href="http://www.stiftung-aufarbeitung.de/">Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a> in den Zeitungen erneut reflektiert wird.</p>
<p style="text-align:left;" align="center">Jens Bisky diskutierte die Veranstaltung am Mittwoch im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung gewohnt klug und differenziert. Das ist selbstverständlich auch hier erwähnenswert, denn obschon der Leitimpuls dieses Weblogs zur „Negativpresse Ost“ aus offensichtlich mehr einschichtigen als einsichtigen Darstellungen ostdeutscher Realitäten in der Presse kommt, wäre es nicht minder monochrom, sich nur darauf zu beschränken. Das Bild muss zwangsläufig die Wahrnehmungs- und Darstellungsmöglichkeiten Ostdeutschlands erfassen.</p>
<p style="text-align:left;" align="center">Jens Bisky steht sogar recht deutlich auf der Seite unseres Anliegens, denn auch er identifiziert zu Debatte klar:</p>
<blockquote>
<p style="text-align:left;" align="center">„Dabei sind ziemlich dämliche Routinen entstanden. Wie unter Landsleuten üblich, nutzt man jede Gelegenheit, beleidigt zu sein, erst einmal übel zu nehmen. Ostdeutsche wehren sich gegen Klischees der Berichterstattung, Westdeutsche geben sich dem Irrglauben hin, das Problem sei erledigt, wenn man es in Ostdeutschland lokalisiert und die Mitschuld der SED-Herrschaft festgestellt hat.“</p>
</blockquote>
<p>Zuvor fasste er die  übliche Sicht auch einiger Vertreter seiner Profession und allgemein erstaunlich vieler Menschen zusammen:</p>
<blockquote><p>„Bestimmte Landstriche, kleine Städte in den fünf neuen Ländern. Plattenbauviertel in Ost-Berlin meidet man oder betritt sie mit besonderer Vorsicht. Das mag ungerecht sein, ein Vorurteil, aber das Risiko zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, geht man doch lieber nicht ein.“</p></blockquote>
<p>Nun sind zehntausende Bewohner der kleinen Städte und Plattenbauviertel gezwungen, jeden Tag so oder so an genau diesen falschen Orten zu allen möglichen Zeiten unterwegs zu sein. Die Polizeiberichte melden dagegen vergleichsweise sehr wenige Zwischenfälle. Statistisch gesehen, ist das Risiko, am Helene-Weigel-Platz oder in Fürstenwalde Opfer eines Gewaltdelikts zu werden, vermutlich nicht viel höher, als dass einen auf der Avus der Fahrfehler eines anderen auf die Intensivstation schleudert. Angst ist bekanntlich fast überall nicht unbedingt der beste Begleiter, wenn man sich mit der Realität konfrontieren will. Leider aber oft der Keimgrund für überzogenes Handeln, Argumentieren und Klischees-Zurechtschneiden.</p>
<p>Das relativiert allerdings nicht, dass es, wie jeder der in ostdeutschen Kleinstädten groß wurde oder in Ostberliner Plattenbausiedlungen wohnte, bestätigen kann, einen gewissen Anteil von sehr roh und nicht unbedingt auf einer hohen Stufe der Kohlberg-Skala fest verankert handelnden Menschen gibt, den man in anderen Wohngegenden nicht derart präsent vorfindet. Also Menschen, die von radikalen und daher meist sehr simplen Erklärungsmodellen der Welt eher angesprochen werden und daher blindem Rechtspopulismus eher verfallen, als der aufgeklärten Sozialdemokratie.</p>
<blockquote><p>„Wer es noch nicht wusste, konnte hier [auf der Veranstaltung der Bundesstiftung] noch einmal hören, wie fehlende Öffentlichkeit, die Vorliebe für das Autoritäre und die auf Gleichheit, Konformität und Homogenität zielende Politik der DDR die Entstehung einer rechten Subkultur förderte.“,</p></blockquote>
<p>schreibt Jens Bisky. Nun ist es aber nicht so, dass jede Schicht und jedes Milieu der alten Bundesrepublik diesen Werten (Autorität, ein schlichtes Verständnis von Gleichheit, Konformität) völlig abhold war und ist. Vielmehr scheint das Bedürfnis nach klaren Orientierungen eine Grundkonstante ausgesprochen vieler zu sein. Dass die DDR schlichte Lösungen bevorzugte, lag leider auch daran, dass in ihr weitgehend schlichte Gemüter den Takt vorgaben. Einem Marschrhythmus ist leichter zu folgen, als einer Zwölftonkomposition. Insofern erweist sich das oben zitierte Steckenpferd der Schlichtheit fördernden DDR als eine hölzerne Schindmähre und im Kern mit Wurm und tautologisch.</p>
<p>Als leider ebenfalls etwas zu simpel präsentiert sich die Position: „Mit der Revolution wurden die Zustände in der DDR sichtbar.“, denn sie birgt die Gefahr, die Singularität der Ereignisse von 1989 und ihrer Wirkungen zu reduzieren. Die Dinge haben sich unter Einwirkung von etlichen Faktoren (vom ein Auge zukneifenden ungarischen Grenzer bis hin zur Lage des Weltmarkts) so entwickelt, wie sie sich entwickelt haben. Auch die DDR selbst war keine monokausale Veranstaltung und enthielt trotz der angestrebten Homogenisierung von Denk- und Handlungsmustern einen irreduziblen Anteil von Restpluralität und Individualität. Rechtsradikale, rechtsmotivierte oder mit rechten Gründen unterfütterte einfach nur kriminelle Gewalt gingen auch in Ostdeutschland immer nur von einer winzigen, medial aber sehr wirksamen Minderheit aus.</p>
<p>Jens Bisky verweist wunderbarerweise auf den, wie er schreibt, „grandiosen Artikel“ von Sabine Rennefanz für die Berliner Zeitung (<em><a href="http://www.berliner-zeitung.de/magazin/rechtsextremismus-uwe-mundlos-und-ich,10809156,11369068.html">Uwe Mundlos und ich</a></em>.31.12.2011) und markiert mit ihr einige Leitkoordinaten, in der sich Ostdeutsche nach 1990 ihre Identität neu zu konstruieren gezwungen sahen:</p>
<blockquote><p>„zur elenden Debatte über das Asylrecht kam die Verunsicherung der Gesellschaft Ost, der Verlust eines eindeutigen Weltbildes, das Gefühl fehlenden Sinns nach dem Ende der kommunistischen Verheißung.“</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Die Sinnfrage stellte sich meiner Wahrnehmung nach weniger hinsichtlich der „kommunistischen Verheißung&#8220;, die in den 1980ern auf ein utopisch-lindgrünes Feigenblatt am welken und eher grauen Status Quo zusammengeschrumpft war. Sondern vorwiegend in Bezug auf die Dekonstruktion der individuellen Biografien. Der elementaren Orientierungslosigkeit der Ostdeutschen in dieser Zeit allein das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland &#8211; ein immerhin in der allgemeinen Berieselung des Bildungs- und Medienwesens der DDR seit vierzig Jahren als politischen Zentralfeind stilisierter Staat &#8211; entgegenzuhalten, mag auf der Sachebene vielleicht wunder- und sinnvoll gewesen sein. Den Selbstwiderspruch, mit dem sich die Ostdeutschen dafür aber arrangieren mussten, die notwendige Dauer und Intensität einer Verarbeitung dessen, was geschehen war, hat dagegen offensichtlich fast niemand im Vereinigungstrubel berücksichtigt. Die Welt und die dafür zur Verfügung stehenden Erklärungsmuster waren wirklich aus den Fugen und mussten, von jedem neu und für sich selbst, gesetzt werden.</p>
<p style="text-align:center;"> III</p>
<p>Die bundesdeutsche Asylpolitik mit ihren sehr ambivalenten öffentlichen Debatten, dürfte dagegen die meisten, hauptsächlich mit ihrer eigenen Repositionierung in der Welt befassten Ostdeutschen zu dieser Zeit einerseits wenig interessiert haben. Selbst diejenigen, die sich ein Ende der DDR herbeigewünscht und herbeigearbeitet haben, stießen in bestimmter Hinsicht regelmäßig auf Situationen des eigenen <em>Displacements</em>. Die mit den neu eingerichteten Asylbewerberunterkünften in ihre ohnehin schwankende Lebensumwelt zu integrierende Fremdheit anderer, wenn man so will <em>Displaced Persons </em>(denn kaum ein Asylbewerber hatte vor, sich in diese Temporärumgebung dauerhaft anzusiedeln), führte andererseits zu einer kompletten Überforderung vieler. Und gleichzeitig zur flinken Genese leichter Feindbilder, Vorurteile und Zielscheiben, die zweifelsohne an eine ohnehin vorhandene Ablehnung alles<em> zu</em> <em>fremden </em>anknüpfen konnte. Der Versuch auch an dieser Stelle die fünf neuen Länder möglichst schnell verwaltungstechnisch zu normalisieren, führte nicht zuletzt dazu, dass man für Angst, Frust, Verunsicherung und Ohnmacht eine kontrastreiche Projektionsfläche lieferte.</p>
<p>Nichts davon rechtfertigt irgendeinen Brandsatz, der flog oder nur einen einzigen Faustschlag. Es ist aber erfahrungsgemäß klar, dass sich die Gewalt dieser Zeit bei Bedarf gegen alles richtete, was dem jeweiligen mühsam und brüchig zusammengezimmerten Normen- und Wertekosmos nicht entsprach und – das ist der entscheidende Aspekt – von vornherein unterlegen erschien. Dass der Antisemitismus, wie Jens Bisky erwähnt, in Ostdeutschland weniger verbreitet scheint, liegt auch daran, dass er gar nicht konkretisierbar war. Auf einer abstrakten Ebene werden dagegen bis heute nicht selten die üblichen Verschwörungsidiotien tradiert, deren Wurzeln bis tief ins Dritte Reich reichen, und die möglicherweise auch deshalb als Mythen überlebten, weil dieser Aspekt zugunsten der Heilsgeschichte des kommunistischen Widerstands in der öffentlichen Wahrnehmung der DDR sehr marginalisiert wurde. So bitter es klingt: Gewalttaten gegen Menschen jüdischen Glaubens waren in Ostdeutschland einfach weniger möglich, als Gewalt gegen Asylbewerber, Obdachlose oder Behinderte, da es kaum Konfrontationen mit diesen gab.</p>
<p align="center">IV</p>
<p style="text-align:left;" align="center">Ich wage nicht abschließend zu beurteilen, inwiefern die bis heute mehr oder weniger höhere Gewaltbereitschaft in Ostdeutschland direkte Nachwirkung des Vakuums der frühen 1990er Jahre ist, in der auch Polizei und Justiz hoch verunsichert und überfordert waren und daher eine Körperverletzung eher wenig wog. Genauso wenig kann ich einschätzen, ob hier die vergleichsweise weniger intellektuelle Grundierung der ostdeutschen Bevölkerung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr durchsortierte, ihre Wirkung entfaltet oder ob sich nicht doch zuletzt die Spuren einer empathiereduzierten „Hab dich nicht so“-Kollektivgesellschaft  der späten DDR mit ihren vormilitärischen Ausbildungszielen niederschlagen. Richtig erscheint mir allerdings tatsächlich die abschließende Einschätzung Jens Biskys am Ende seines Artikels:</p>
<blockquote><p> „Vor allem aber wäre vom Staat zu fordern, dass er das Gewaltmonopol durchsetzt. Eben weil in den neunziger Jahren vielfach der Eindruck entstand, so ernst sei es damit nicht.“</p></blockquote>
<p>Die Eskalation der ostdeutschen Gewalt in den frühen 1990er Jahren ist m. E. auch dadurch zu erklären, dass autoritär geprägte, in ihrer Identität höchst verunsicherte vorwiegend junge Männer aus bereits an sich nicht unbedingt stabilisierten Milieus einen wahrgenommen weitreichend autoritätsfreien Handlungsraum vorfanden. Diesen haben sie nach ihrer Fasson genutzt und hatten so wenigstens ein Stück weit das Gefühl, ihre Seite sei die Richtige. Auf einmal waren sie in der Rolle der Autorität, auch wenn ihre Straßenherrschaft nur auf der Terrorisierung der Mitmenschen beruhte.</p>
<p>Dass sie dabei oft auf rechtsradikale Symbole und Slogans zurückgriffen, hatte häufig weniger mit einer grundsätzlichen politischen Einstellung zu tun, und mehr damit, dass sich in dieser unzweifelhaft deutschen Traditionslinie das fand, womit sie sich zugleich zureichend vom Rest der Welt, von den alten und neuen Autoritäten Werten und Normen, die nun entweder ungültig oder für sie uneinlösbar schienen, abgrenzen und sich dennoch in eine heimelige neue Masse integrieren konnten. Die bis heute oft praktizierte Holzhammerstigmatisierung des rechten Ostens erinnert dabei übrigens tatsächlich wieder an die DDR und dürfte denjenigen, die sich heute noch als zonenbefreiende und heimschützende Parias fühlen, nur noch mehr als Bestätigung erscheinen. Anthropologisch gesehen erfüllt jede Ausprägung von Kultur – und sei sie noch so inhuman, chauvinistisch, grausam oder dumm –  für irgendjemanden einen Zweck. Will man an dieser Stelle etwas ändern, dann ist das Verstehen des jeweils individuell mit einer solchen Selbstassoziation verbundenen Zweckes vermutlich zielführender, als ein beständiges Fischen nach Ursachen in den allgemeinen gesellschaftlichen Untiefen der DDR. Ohne Zweifel wirkten und wirken bestimmte gesellschaftliche Muster und Normen verstärkend auf bestimmte Verhaltensweisen. Die Gemengelage der Ursachen dafür, ob jemand zum Totschläger wird, zum Agitator, zum Vorkämpfer zivilgesellschaftlicher Opposition zum Konsumjunkie oder zum Blogger (oder zu all dem in Personalunion) ist jedenfalls ungleich komplexer, als dass man sie mit dem Label <em>SED-Diktatur</em> in eine bequeme Kiste wegsortieren könnte.</p>
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		<title>Alles Roger in Frankfurt (Oder)?</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 10:31:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Brandenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Eliten]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftliche Entwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurt (Oder)]]></category>
		<category><![CDATA[Grenzsituation]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>

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		<description><![CDATA[♪♫ Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm&#8217;! ♪♫♪ (Claire Waldoff-Astoria) Autor: Roger Willemsen Titel: Deutschlandreise (S. 69–73) Erschienen bei: Eichborn Verlag, Frankfurt am Main im Jahr: 2002 über: Frankfurt an der Oder Zu Beginn eine Selbstoffenbarung. Roger Willemsen war mal so allgegenwärtig, dass man sich gezwungen sah, eine Meinung über [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=97&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>♪♫ Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm&#8217;! ♪♫♪<br />
(Claire Waldoff-Astoria)</em></p>
<div id="attachment_98" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/frankfurt-oder.jpg"><img src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/frankfurt-oder.jpg?w=300&#038;h=205" alt="Bahnhof Frankfurt (Oder)" title="Frankfurt (Oder)" width="300" height="205" class="size-medium wp-image-98" /></a><p class="wp-caption-text">Zug um Zug aufs Abstellgleis: Roger Willemsen kam mit der Bahn nach Frankfurt (Oder)</p></div>
<p><strong>Autor</strong>: Roger Willemsen<br />
<strong>Titel</strong>: Deutschlandreise (S. 69–73)<br />
<strong>Erschienen bei</strong>: Eichborn Verlag, Frankfurt am Main<br />
<strong>im Jahr</strong>: 2002<br />
<strong>über</strong>: Frankfurt an der Oder </p>
<p>Zu Beginn eine Selbstoffenbarung. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roger_Willemsen">Roger Willemsen</a> war mal so allgegenwärtig, dass man sich gezwungen sah, eine Meinung über ihn auszubilden. Willemsen polarisiert: entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Um meine Meinung über ihn etwas zu objektivieren, frage ich in meinem sozialen Umfeld, was haltet ihr von Roger Willemsen? Alles Roger? »Deutschlands Vorzeigeintellektueller.« &#8211; »War der nicht mal mit Guido Westerwelle zusammen?« &#8211; »Quatsch, mit Sandra Maischberger.« &#8211; »Belletristik ist nicht so seins, aber seine Rezensionen lese ich gern, die kann er gut.«</p>
<p>Hier eine Rezension von mir, allerdings bezogen auf einen kleinen Ausschnitt aus der <a href="http://www.amazon.de/product-reviews/3596160235/ref=cm_cr_pr_hist_1?ie=UTF8&amp;showViewpoints=0&amp;filterBy=addOneStar" target="_blank">Deutschlandreise</a>, Willemsens Buchreport von 2002. Das ist schon ein Weilchen her, aber es soll in diesem Blog auch um die Kontinuität gehen, den Osten in ewig gleichen Stereotypen und Vorurteilen darzustellen. Der besagte Abschnitt behandelt Frankfurt (Oder), und er behandelt die Stadt schlecht. Nun ist die Deutschlandreise ein sehr subjektives Produkt, wie bereits der erste Satz klarmacht: »<a href="http://www.roger-willemsen.de/noa-noa/" target="_blank">Ich</a> sitze im Zug und fahre weit weg.« </p>
<p>Roger Willemsen bereiste das Land als beobachtender Dichter und unterlag somit keiner journalistischen Sorgfaltspflicht. Allerdings unterlag dafür die Poesie, denn was da so aus seiner Feder floss, war äußerst schwarze Tinte. Die Äcker im Osten sind Narben in der Landschaft, der Boden im Hinterland der alten DDR sieht »sauer und grämlich« aus, die Oder mit ihren toten Armen ist »braun und schmuddelig«, die Häuser »gehässig renovierte Kleinodien«. Elke Heidenreich, die das Buch aus Zeitgründen vermutlich nur rasch überflogen hat, jubelt auf der Rückseite: </p>
<blockquote><p>Eine grandios erzählte Reise ins Innerste eines Landes, das unser Land ist, bereist von einem Autor, der Klischees nicht auf den Leim geht&#8230;</p></blockquote>
<p>Der Autor, der in Talkshows durchaus eloquent und intelligent auftritt, geht nicht auf dem Leim, er klebt förmlich. Meistens kämpft er mit der Sprache, ziemlich oft verliert er. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, ein Schreibautomat, programmiert mit dem Vokabular der üblen Laune, habe den Text erscrabbelt. Zwischendrin schildert Willemsen einen Bordellbesuch, liest den Raubdruck eines obszönen Buches und erwähnt hie und da Worte wie »Sex«, »Porno« oder »Prostituierte«. Klar, der Leser soll bei der Stange (beim Stängel?) gehalten werden. Wer die Deutschlandreise liest, erfährt nichts über das Innerste von Deutschland, wohl aber einiges über das Innerste von Roger Willemsen (um 2002). Was hat nun der Dichter zur Stadt an der Oder zu sagen?</p>
<blockquote><p>Frankfurt (Oder) ist da, eine dieser im Stich gelassenen Städte. Wenn nicht Manfred Wolke hier einen Boxstall unterhielte, wenn nicht der »SPIEGEL-TV«-Exportschlager »Grenzprostitution« dem Ort das Verruchte verliehe, was wäre Frankfurt (Oder)? Eine Stadt, über der die Dunstglocke des Asozialen hinge, der Geruch der Kleinbürger, ein Mahnmal für die »Verlierer der Einheit«.</p></blockquote>
<p>Das gleich als Einstieg. Okay, der Mann ist in der (ehemaligen) Bundeshauptstadt Bonn zur Welt gekommen und hat in Florenz, München und Wien studiert. Frankfurt beleidigt da einfach nur das ästhetische Empfinden des Welterfahrenen. Es begrüßen ihn Kioskkultur, Dosenbier, Jogginganzüge und »George Grosz&#8217;sche Kleinbürger-Karikaturen« (selber!). Viel lieber hätte er mit Sophie Marceau auf dem Sofa gesessen und der Jazzmusike, die Herbie Hancock und Michel Petrucciani für ihn im Hintergrund spielen, gelauscht. Verständlich. Wie geht es weiter? Der Dichter wird dreist und schimpft über Kleist:</p>
<blockquote><p>Muss man tot und bedeutend sein, um in Frankfurt/Oder so gut zu wohnen? Was dieser Kleist die Stadt gekostet hat, und zum Dank beherbergt er Ausländer und kriegt auch noch ein Denkmal. Oder eher einen Sarkophag samt einem lyrisch hingestreckten Bekränzten mit Leier ohne Saiten.</p></blockquote>
<p>Was folgt, ist Genörgel und Geschwafel. Grundtenor: Alles schlecht. Angesichts dreier Angler am Oderufer stellt er sich und uns die nächstliegende Frage:</p>
<blockquote><p>Wer wäre noch erstaunt, Menschen hier zu finden, die mit Handkantenschlägen Kaninchen schlachten?</p></blockquote>
<p>Aha. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Roger Willemsen nicht nur Frankfurt (Oder) bzw. Ostdeutschland wenig ansprechend fand, sondern dass diese Sprache der rote Faden auf der ganzen Deutschlandreise ist/war. Mit so einem Griesgram möchte man keine drei Tage Urlaub machen, mit Ausnahme er bezahlt! Vom protestantischen Meer zu den katholischen Bergen – ganz Deutschland ist bei Willemsen ein düsteres Drecknest! Vielleicht lag&#8217;s am Reisemonat, vielleicht an mangelnder Triebabfuhr (das Sex-Thema zieht sich so durchs Buch), vielleicht ist der Text auch eine Anspielung oder gar Parodie auf etwas von Heine oder Brecht oder Ironie? Das habe ich mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.</p>
<blockquote><p>Als Fremder sucht man immerzu das Eigentliche, irgendetwas, was hinter allem ist, das Wesentliche, aber man kommt nur durch Fassaden und Tapetentüren.</p></blockquote>
<p>Darauf möchte ich nur mit einem Zitat antworten: Niemand ist so blind, wie einer, der nicht sehen will. Guten Abend!</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/97/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/97/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=97&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Deutschbodenlose Freshness. Moritz von Uslars Wildheitstraumbild und wie die Presse es sieht.</title>
		<link>http://negativpresse.wordpress.com/2012/01/26/zehdenick_von_uslar/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 19:35:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[2010]]></category>
		<category><![CDATA[Brandenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Diskurse]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschboden]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Moritz von Uslar]]></category>
		<category><![CDATA[Zehdenick]]></category>

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		<description><![CDATA[„Kein Sex, viel Bier, fast nur Männer, Musik und eine Menge komisches, oft rechtsradikales Geschwätz: Davon handelt dieser Bericht.&#8220; &#8211; Wolfgang Höbel über Moritz von Uslars Deutschboden. (In: Wo Deutschlands wilde Kerle wohnen. Spiegel online. 02.10.2010) Als Ergänzung zur Auseinandersetzung mit Moritz von Uslars Anklam-Bild bietet sich ein Blick auf dessen Buch Deutschboden. Eine teilnehmende [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=84&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<p style="text-align:right;">„Kein Sex, viel Bier, fast nur Männer, Musik und eine Menge komisches, oft rechtsradikales Geschwätz: Davon handelt dieser Bericht.&#8220; &#8211; Wolfgang Höbel über Moritz von Uslars <em>Deutschboden</em>. (In: <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,720410,00.html">Wo Deutschlands wilde Kerle wohnen</a>. Spiegel online. 02.10.2010)</p>
</blockquote>
<p style="text-align:left;">Als Ergänzung <a href="https://negativpresse.wordpress.com/2012/01/24/zeit-druck-oder-reclaim-anklam/">zur Auseinandersetzung mit Moritz von Uslars Anklam-Bild</a> bietet sich ein Blick auf dessen Buch <a href="http://www.zeit.de/video/2010-12/709313445001">Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung</a>. (Köln: Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, 2010) durchaus an.</p>
<p>Der <a href="http://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=9783462042566">Klappentext beschreibt</a>, worum es dem behuteten Reporter geht:</p>
<blockquote><p>„Moritz von Uslar geht in eine Kleinstadt im Osten Deutschlands, er bleibt drei Monate und kehrt mit dieser großen Erzählung, einer Geschichte der Gegenwart, die gleichzeitig Reportage und Abenteuerroman ist, zurück.</p>
<p>Draußen, vor der Großstadt, wo Hartz IV, Alkoholismus, Abwanderung und Rechtsradikalismus angeblich zu Hause sind: Hier beginnt diese Geschichte. Der Reporter sucht nach einem Ort mit Boxclub und Kneipe und findet ihn im Landkreis Oberhavel, gut eine Autostunde nördlich vor Berlin. Pension Heimat, Franky’s Place, Gaststätte Schröder:  Pils am Tresen, Diktiergerät am Mann. Der Reporter hört zu, guckt zu, trinkt mit, trainiert mit, labert mit, und am nächsten Morgen steht er wieder da. Es erscheinen der Kneipenchef Heiko, der Geschichtenerzähler Blocky, der tätowierte Punk Raoul, und damit ist der Zugang eröffnet: zu den Proben der Band »5 Teeth Less«, zu Grillfesten mit Deutschlandfahne, zum Abhängen am Kaiser’s-Parkplatz und an der Aral-Tankstelle – und zum Alltag junger Männer, die vielleicht keine großartige Zukunft haben, aber einen ziemlich guten Humor.</p>
<p>Die präzisen Beobachtungen, im Wortlaut mitgezeichneten Gespräche, die Gags, Sprüche, Märchen und Blödeleien und die Fülle absurder, rührender und furchterregender Alltäglichkeiten entwickeln einen Sog, der den Leser hineinzieht in das Leben in der ostdeutschen Kleinstadt. Das ist klassisches und das ist modernes Reportertum.</p>
<p>Moritz von Uslar besitzt den Mut, die Ausdauer und das Einfühlungsvermögen, um zu zeigen, dass Wirklichkeit immer jener Ort ist, der jenseits der Erwartung liegt. In diesem Buch ist Platz für allerhand Abstrusitäten, bloß für keine Trostlosigkeit. Deutschboden leuchtet – es ist das Licht der Tankstelle an der Ausfallstraße nachts um halb eins. &#8222;</p></blockquote>
<p>Es hätte Eisenhüttenstadt treffen können, aber die wurde dem Autor durch die Bild-Zeitung bereits verübelt. (sh. dazu <a href="http://eisen.huettenstadt.de/archives/1226-Da-fehlt-die-Musik-Die-BILD-Zeitung-berichtet-aus-Eisenhuettenstadt.html">auch hier</a>) In Schwedt kam er seinem ethnografischen Zielen schon näher, hatte aber in der &#8222;Boxsporthalle Günther Jähnke&#8220; ein niederschlagendes Erlebnis (Sportunfall). Am Ende kam Zehdenick zu Ehren:</p>
<blockquote><p>„Dieser Ort hat sich nicht durch besonders krasse Zustände ausgezeichnet, es ist ein schöner Ort. Überspitzt gesagt: Ich wollte nicht zwischen Plattenbauten warten, bis ich eins auf die Fresse kriege. Ich versuche, mich bewusst anders als der Reporter im Spiegel oder in der RTL-Sozialreportage zu benehmen. Ich stelle mich einfach hin, saufe und warte, wie sich die Dinge entwickeln. Das ist der absolute Luxus. Ich will über eine gewisse Stumpfheit, Getrübtheit der Wahrheit bewusst nicht hinaus. Was ich fantastisch finde, sind die äußere Ereignislosigkeit und die sprachliche Begabung der Leute.&#8220; ( &#8222;Ich habe versucht, mich ein bisschen dumm zu stellen&#8220; - Interview mit Moritz von Uslar. In:  taz, 22.11.2010, S.16)</p></blockquote>
<p>Und die Zehdenicker nahmen ihm die Wahl anscheinend gar nicht übel:</p>
<blockquote><p>„Fühlt er sich verspottet? &#8222;Nein. Er muss ja unterhalten, sonst würde das Buch keiner lesen.&#8220; Blocky lacht beim Lesen.&#8220;</p></blockquote>
<p>So ermittelte Kolja Reichert für die WELT bei der Nachrecherche. (<a href="http://www.welt.de/kultur/article10085340/Moritz-von-Uslar-wo-die-wilden-Kerle-wohnen.html">Moritz von Uslar – wo die wilden Kerle wohnen</a>, 05.10.2010)</p>
<p>Nicht nur Felix Helbig hätte etwas anderes erwartet. Jedenfalls kam er in einer Nebenbemerkung in einem Artikel zu einem anderen &#8211; westdeutschen &#8211; Projekt dieser Art (<em>Und eigentlich ist das ja alles ganz normal</em>. In: Frankfurter Rundschau 13.08.2011, S. R8)  zu dieser Einschätzung:</p>
<blockquote><p>„Uslar hatte im vergangenen Jahr seinen schicken Altbau in Berlin-Mitte verlassen, um sich für drei Monate in einem Dorf in der brandenburgischen Provinz einzunisten und über die einfachen Menschen dort ohne deren Wissen eine &#8222;teilnehmende Beobachtung&#8220; zu schreiben. Als das Buch &#8222;Deutschboden&#8220; schließlich fertig war, fuhr er erneut hin und lud alle zur Lesung ins örtliche Bowling-Center ein. Das war dann die Geschichte von einem, der auszog, eins auf die Fresse zu kriegen. Bekam er zwar nicht, hätte er aber sehr verdient gehabt.&#8220;</p></blockquote>
<p>Dabei schreibt von Uslar seine Texte doch aus Liebe. Jedenfalls arbeitete Susanne Messmer für die taz so eine Position aus „diesem großartigen Buch über Ost und West, Unterschicht und Upperclass, über Hartz IV und das Leben im Nichts, das auch ein Leben mit Existenzberechtigung ist&#8220;  heraus:</p>
<blockquote><p>„Moritz von Uslar lernt die harten Exnazis mit den volltätowierten Supermuckis, vor denen er sich so fürchtet, nicht nur kennen. Er verliebt sich sogar in sie. Da heißt es in einem dieser schönen Uslar-Schachtelsätze: Konnte es sein, dass die Jungs eben weil sie ein Leben außerhalb des Konkurrenzdrucks und der Karrieren führten schon eine Stunde weiter waren? Konnte es sein, dass wir, die an dem abgelaufenen Konzept Selbstverwirklichung durch Arbeit festhielten, endlich anfingen, die Benachteiligten, die Randexistenzen der Gesellschaft als das zu sehen, was sie in Wahrheit wohl waren, keine Problemfälle, sondern die Mitte der Zukunft unserer Gesellschaft, die Avantgarde?&#8220;</p></blockquote>
<p>Die Deutung ist nicht ohne Reiz und vermutlich auch nicht ohne Wahrheit, vielleicht aber dennoch ohne Tiefe. Ein wenig fragt man sich, wer hier eigentlich der Junge vom Land ist. Es ist gar nicht so sehr das Problem, dass Autoren wie Moritz von Uslar Ostdeutschland vor allem als provinzielles Skurrilien inszenieren, was Berliner Literaturwissenschaftsstudentinnen vermutlich auch in dem Glauben bestärkt, man könne pauschal von allem jenseits der Stadtgrenze als &#8211; O-Ton &#8211; &#8216;Flachwichserbrandenburg&#8217; sprechen.</p>
<div id="attachment_85" class="wp-caption alignnone" style="width: 490px"><img class="size-full wp-image-85" title="Tankstelle" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/tankstelle.jpg?w=490" alt="Tankstelle"   /><p class="wp-caption-text">Bereit für den Shellshock? „Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!&quot; schreibt Moritz von Uslar. Also zum Beispiel nach Kerpen. Da er zwar in Köln geboren ist, aber in Berlin wohnt, musste es - wohnortnah - eine Oststadt sein. Die fand er dann in Zehdenick und scannte diese ihm fremde Welt mit seinem Deutschbodenradar.</p></div>
<p><span id="more-84"></span>Das Problem liegt dabei eher in der Asymmetrie der Deutungshoheiten, die einem bestens vernetzten <em>Prä-Hipster</em>-Autor wie Moritz von Uslar jede Stimmlage schenken, die er gerade für seine persönliche Stimmungs- und Weltverarbeitung benötigt. Das demütigende Element seiner Osterschließungsprosa (&#8222;ganz unten, rechts.&#8220; &#8211; <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,720410,00.html">Wolfgang Höbel, SPIEGEL</a>) liegt dagegen in der breit ausgewalzten Stimmlosigkeit der dort Eingefangenen, die sich am Ende auch noch geschmeichelt fühlen, wenn sich die Prominenz aus der Hauptstadt auf sie einlässt und als Material verwurstet. Und dann gnädig in präsidialer Jovialität ergänzt: „Ich danke diesem Ort, dass er dieses Buch erträgt.&#8220;</p>
<p>Hans-Willi Hermans, der einer Lesung von Uslars in Köln beiwohnen durfte, erfasst ziemlich präzise, worum es eigentlich geht (Prolls im Pils-Lokal. In: Kölnische Rundschau, 21.03.2011, S. 7):</p>
<blockquote><p>„Da sieht Moritz von Uslar plötzlich aus wie ein übersättigter Stadtmensch, der nach dem Unverfälschten, nach dem edlen Wilden sucht. Und der ansonsten gerne übersieht, dass jeder Ethnologe beim Erforschen exotischer Völker nur dasjenige sieht, für das er auch Begriffe hat.</p>
<p>Reflexion und ironische Distanz vor allem sind das in seinem Fall. Von Uslar wirkt bass erstaunt und ehrlich gerührt, Formen davon auf dem platten Brandenburger Land zu finden, wo doch eigentlich nur Verzweiflung und Tumbheit zu Hause sein dürften. Fazit: Es ist höchste Zeit, einmal gründlich das Weltbild der sich epidemisch verbreitenden Spezies &#8222;Großstädtisch-bourgeoiser Pop-Literat mit leichtem Hang zur Bohème&#8220; zu erkunden.&#8220;</p></blockquote>
<p>Im Prinzip lässt sich das ethnoideologische Buch in die Kiste der Forschungsberichte aus gefahrvollen und verdebten Zonen einordnen, in die auch <em>Axolotl Roadkill</em> (bzw. <em>Strobo</em>) gehört: Man, d.h. die Leser in ihrem richtigen Leben, begleiten eine Identifikationsfigur, die der Bedrohung standhaft trotzt, bei einer irren Schand- bzw. Heldentat und erfahren dabei etwas aus einem völlig fremden kulturellen Kosmos. Ob im Berghain oder in Zehdenick: die Figuren werden bestrahlt, aber an keiner Stelle wirklich beleuchtet.  Man kann das natürlich &#8222;Reflexion und ironische Distanz&#8220; nennen. Oder als eine kleine Nabelschau mit Ausblick aufs Kuriositätenkabinett charakterisieren. Oder als ein schön formuliertes Privatfernsehvergnügen mit Literaturstich bezeichnen.</p>
<p>Und auch Gerrit Bartels bemerkte im Tagesspiegel (<a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur-vom-winde-gedreht/4006410.html"><em>Vom Winde gedreht</em></a>. 31.03.2011, S.27), dass Texten dieser Art etwas besonderes innewohnt:</p>
<blockquote><p>„Den Leser irritiert zunächst das längliche Intro von „Deutschboden“. Von Uslar macht viel Aufhebens um seine Suche und erklärt zum Beispiel erst einmal, warum Eisenhüttenstadt nichts für ihn ist, oder wie er in Schwedt scheitert. Irritierend ist auch, wie er sich unentwegt stolz auf die Schulter klopft und betont, was für ein toller Hecht er ist. Oder dass ihn die ersten Stunden in Zehdenick „irre aufgewühlt“ haben.&#8220;</p></blockquote>
<p>Die aus solch einem Über-Ich entstehenden Expeditionsschilderungen können selbstverständlich ausgezeichnete Literatur sein. Aber sie zu authentischen Berichten zu erheben, wie es Wiebke Prombka in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein wenig vornimmt, wenn sie schreibt:</p>
<blockquote><p>„Das Interessante an Uslars Buch ist, dass nicht etwa mit Vorurteilen aufgeräumt wird, indem sie für null und nichtig erklärt werden: Natürlich ist ein Großteil der Einwohner von Oberhavel arbeitslos, natürlich waren fast alle Jungs, mit denen Uslar Bier trinkt, in den Neunzigern kahl rasiert, natürlich werden hier noch immer rechtslastige Witz gemacht. Vielmehr zeigt Uslar diesen sozialen Kosmos in seiner inneren Logik, dem wenig Bedrohliches, dafür umso mehr Selbstverständlichkeit innewohnt. Was natürlich nichts daran ändert, dass das Leben in Oberhavel nicht eben der Idylle entspricht, in der man gern leben möchte. „Alte Kacke, gehen mir die Penner, gehen mir die Alkoholiker, Hirntoten, Eingefallenen, Zusammengefallenen und sonst wie Hinüberen und Weggetretenen in diesem Ort auf den Sack“, befindet Uslar, als er den Blick über den Marktplatz schweifen lässt. Gerade dieses Absehen von moralischer Integrität führt dazu, dass von Uslars Buch glaubwürdig wird [...]&#8220; (<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/moritz-von-uslar-deutschboden-nachrichten-aus-dem-wilden-osten-11014443.html">Nachrichten aus dem wilden Osten</a>, faz.net, 02.10.2010)</p></blockquote>
<p>bleibt grundfalsch. Denn dieses &#8222;Absehen von moralischer Integrität&#8220; der Milieubeschreibungen vernachlässigen völlig die Innenwelt der Protagonisten, natürlich aber nicht die des überlegen staunenden Grill-Royalisten von Uslar, sonst daheim, wo die souverän-gelassenen Kosmopoliten und der Leuchtschrift &#8222;Capitalism kills love&#8220;  gut gelaunt über dieses &#8216;Auch das ist Deutschland&#8217; und Zoten wie &#8222;Plattenbautow&#8220; schmunzeln. &#8216;Genug Sex, Champagner, schöne Menschen, Musik und eine Menge komisches Geschwätz über komisches, oft rechtsradikales Geschwätz: Davon handelt dieser Bericht.&#8217; &#8211; das ist das vom Deutschboden abgezogene Negativmilieu.</p>
<p>Fast niedlich wirkt dagegen ein für die innerdeutsche Rezeptionsforschung aufschlußreicher kleiner Artikel aus der Rheinischen Post (<em>So leben die Hünxer</em>. In: RP &#8211; Lokalausgabe Düsseldorf, 10.12.2010) in dem Lena Steeg scheibt:</p>
<blockquote><p>„Zur Jubiläumsfeier des wiedervereinigten Deutschlands veröffentlichte unlängst der Autor und Journalist Moritz von Uslar eine &#8222;Deutschboden&#8220; genannte Beobachtung, in der er das Leben in einer brandenburgischen Kleinstadt porträtiert. Eben jenes Buch hat auch Dr. Georg Cornelissen vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, vor sich auf dem Tisch liegen, als er die Hünxer Dorfbewohner gestern im Erzähl-Café begrüßt. &#8222;In dem Buch kommen Autor und Gemeinde vor allem durch gemeinsames Trinken von viel, viel Bier und Schnaps zusammen. Wir wollen das hier ein bisschen anders halten&#8220;, verspricht Cornelissen lachend. Finden die Dorfbewohner völlig ok. Es gibt Kaffee und gedeckten Apfelkuchen.&#8220;</p></blockquote>
<p>Sie können auch anders.</p>
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		<title>ZEIT-Druck oder: Reclaim Anklam!</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 07:15:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander</dc:creator>
				<category><![CDATA[2010]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst - Kultur - Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Mecklenburg-Vorpommern]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsradikalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtentwicklung]]></category>
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		<category><![CDATA[DIE ZEIT]]></category>
		<category><![CDATA[Neonazis]]></category>
		<category><![CDATA[Vorpommern]]></category>

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		<description><![CDATA[»In Anklam, dieser – so konnte man vielleicht sagen – kaputtesten, fertigsten, unseligsten Stadt Deutschlands.« (Moritz von Uslar) Autor: Moritz von Uslar Titel: Freitagnacht in Anklam Erschienen in: ZEIT ONLINE (www.zeit.de) am: 10. Mai 2010 über: Anklam in Vorpommern Chemnitz war noch Spaß, jetzt wird es langsam ernster. Im Frühjahr 2010 startete Moritz von Uslar [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=58&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>»In Anklam, dieser – so konnte man vielleicht sagen – kaputtesten, fertigsten, unseligsten Stadt Deutschlands.«<br />
(Moritz von Uslar)</em></p>
<div id="attachment_66" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/anklam_ho_2008.jpg"><img src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/anklam_ho_2008.jpg?w=300&#038;h=225" alt="HO Anklam" title="Anklam_HO_2008" width="300" height="225" class="size-medium wp-image-66" /></a><p class="wp-caption-text">Mangels eines geeigneten Motivs verbrate ich hier mein einziges Foto von und aus Anklam.</p></div>
<p><strong>Autor</strong>: Moritz von Uslar<br />
<strong>Titel</strong>: Freitagnacht in Anklam<br />
<strong>Erschienen in</strong>: ZEIT ONLINE (<a href="http://www.zeit.de/2010/19/Freitagnacht-Anklam/komplettansicht" target="_blank">www.zeit.de</a>)<br />
<strong>am</strong>: 10. Mai 2010<br />
<strong>über</strong>: Anklam in Vorpommern </p>
<p><a href="http://negativpresse.wordpress.com/2012/01/18/chemnitz-das-minsk-des-westens/">Chemnitz</a> war noch Spaß, jetzt wird es langsam ernster. Im Frühjahr 2010 startete Moritz von Uslar seine Reihe »Nachtleben an den aufregendsten Orten der Welt« und machte den Auftakt in der 13.000 Seelen beherbergenden Gemeinde Anklam. Irgendwie scheint zwischen Anspruch und Wirklichkeit bereits in der Aufgabenstellung eine ziemliche Diskrepanz zu klaffen. Wer ist nun dieser Moritz von Uslar? DIE ZEIT stellt ihren Reporter in folgenden Worten vor:</p>
<blockquote><p>Autor Moritz von Uslar hat seinen ersten Auftritt. Für seine Reihe »Freitagnacht« wird er Menschen an unterschiedlichen Orten beim Feiern beobachten. Diesmal war er in Anklam in Vorpommern. Uslar, 39, zuvor beim »Spiegel«, wurde bekannt durch die Serie »100 Fragen an&#8230;« im »SZ-Magazin«. Im Herbst erscheint sein Buch »Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung«.</p></blockquote>
<p>Ach so. Uslar ist einer dieser Ethnologen, die die mitteleuropäische Bevölkerung einer näheren Betrachtung unterziehen, mit den Eingeborenen leben und diese anschließend quasi von innen heraus beschreiben. Ein befreundeter Buchhändler in Berlin-Mitte verriet mir, das inzwischen erschienene Buch <em>Deutschboden</em> sei sehr unterhaltsam, lesenswert und verkaufe sich ganz gut. Aus der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_von_Uslar">Wikipedia</a> erfahre ich, dass Moritz eigentlich <em>Hans Moritz Walther Freiherr von Uslar-Gleichen</em> heißt. Seine flotte Schreibe – wie meine Oma sagen würde – lernte der geborene Kölner bei der seligen Zeitschrift <em>Tempo</em> sowie der <em>Süddeutschen Zeitung</em> und dem <em>SPIEGEL</em>. Auf den Fotos, die das Netz anbietet, wirkt er wie ein junggebliebener Libertin. Ist der Freiherr ein Freidenker?</p>
<p>Zurück zum Thema. Die Reportage-Reihe »Nachtleben« führte unseren Moritz über Längen- und Breitengrade. Auf Anklam folgte das <a href="http://www.zeit.de/2010/21/Freitagnacht-Maxims-Paris/komplettansicht">Maxim’s</a> in Paris, dann die <a href="http://www.zeit.de/2010/24/Freitagnacht-Odenwaldschule/komplettansicht">Odenwaldschule</a>, der <a href="http://www.zeit.de/2010/29/Freitagnacht-Nachtzug/komplettansicht">Schlafwagen nach Zürich</a>, das Dörfchen <a href="http://www.zeit.de/2010/45/Freitagnacht-Guttenberg/komplettansicht">Guttenberg</a> in Oberfranken, die <a href="http://www.zeit.de/2011/05/Freitagnacht-Dortmund/komplettansicht">Borussia Dortmund</a> und <a href="http://www.zeit.de/2011/12/Freitagnacht-Kairo/komplettansicht">Kairo</a> in Ägypten – eine wilde Mischung! Doch warum ausgerechnet Anklam als Auftakt? Da kann doch nur die reine Schalkhaftigkeit des Wahl-Berliners durchgekommen sein! Billige Gags, dankbare Klischees und gängige Vorurteile sind so bereits vorprogrammiert. </p>
<blockquote><p>Es zeichnete sich einer dieser grandios aufgeregten Berliner Abende ab (an der Friedrichstraße sollte die King Size Bar eröffnen, gegen Mitternacht würden die Gäste des Deutschen Filmpreises den Friedrichstadtpalast verlassen und wieder nicht wissen, wo sie weiterfeiern sollten, was immer für lustige Szenen sorgte) – als ich, gegen Mittag, den Entschluss fasste, diese Freitagnacht nicht in Berlin, sondern ganz woanders zu verbringen: in Anklam. In dieser – so konnte man vielleicht sagen – kaputtesten, fertigsten, unseligsten Stadt Deutschlands.</p></blockquote>
<p>Wie die Einleitung verrät, wäre der Reporter an jedem Abend lieber in Berlin geblieben (miserable Ausgangsbedingung); und wie der Schluss verrät, wird er dort auch bald wieder landen. Nix von wegen teilnehmender Beobachter! Der Reporter, der sich auf die Suche nach der verlorenen Eastside macht, hat bereits nach wenigen Stunden die Hosen gestrichen voll. Er bekam Angst vor den Schattenwesen, die er selbst erschuf. Wieder daheim, im sicheren Berlin, erhebt sich von Uslar über seine Angst und beleidigt die Anklamer via Tastatur:</p>
<blockquote><p>Ich, Reporter, wollte ja nicht viel – nur ankommen und die Leute, die da eventuell herumstanden, fragen, ob man hier noch irgendwo ein Bier trinken konnte. Meine Frage war: Was treibt ihr, Anklamer, wenn ihr, gegen alle Wahrscheinlichkeit, doch einmal gute Laune habt?</p></blockquote>
<p>Lieber Moritz von Uslar! Als Hunter S. Thompson, der Erfinder des Gonzo-Journalismus, bei den <em>Hell’s Angels</em> an der amerikanischen Westküste recherchierte, lebte er immerhin ein Weilchen mit und bei den Acid-Rockern, bevor er dann allerdings wirklich übel zusammengeschlagen wurde. Das soll dir (ich bevorzuge das Du) natürlich nicht passieren! Aber wie kannst du dann so tun, als würdest du dich mutig unters Volk mischen, indem du den ausgelatschten Pfad des ostdeutschen Rechtsradikalismus betrittst, nur um mittendrin die Beobachtung abzubrechen, weil in dem von dir selbst ausgesuchten Rockerklub tätowierte Glatzen sitzen? Und soll der Leser aus deinen Worten schließen, dass man Anklam unbedingt umfahren sollte, weil die Stadt vollständig darnieder liegt und des Nachts von blutsaugenden Nazibanden durchkämmt wird, die sich vorher in einer Bierbar a la <em>Clockwork Orange</em> Mut ansaufen? (Zitat: »Wer Western und die Filme von Quentin Tarantino mochte, der konnte dieses Lokal nicht schlecht finden.«)</p>
<p>Ich würde sagen, Moritz von Uslar ist nie wirklich in Anklam angekommen. Uslar fremdelte gleich bei der Ankunft, huschte schnell mal durch die Straßen der Kleinstadt und spulte alle Vorurteile ab, die er sich zuvor schnell angelesen hatte und natürlich vor Ort bestätigt findet. Zum Vergleich könnte ich nun auch nach Köln fahren, das dortige Großbordell besuchen und anschließend schreiben: »Die Stadt riecht nach Schweiß, Sperma und Desinfektionsmitteln. In Köln bekommt nur Liebe, wer sie sich leisten kann.« Ha. Ha. Genauso gut könnte ich von Mallorca behaupten: »Die Insel besteht nur aus Ballermann 6, Sangría-Orgien und Ficken am Strand.« Beschreibt das die Insel? Nein.</p>
<p>Natürlich sollte man alles nicht so eng sehen, nicht so gemeint, mal über sich selbst lachen, der Uslar ist schließlich auch ein großer Freund der Ironie, et cetera bla bla. Allerdings ist schon auffällig, dass die nachfolgend besuchten Orte wie die Odenwaldschule oder das kleine Dörfchen Guttenberg vergleichsweise Milde davonkommen. Warum werden Ostdeutsche, denen man grundsätzlich Rassismus, Alkoholismus und Faschismus vorwirft, wieder einmal mit Vorurteilen beschrieben, die selbst rassistisch sind? Egal, schwamm drüber! Uslars Texte sollte man nicht auf die Goldwaage legen, denn dafür sind sie zu leicht. Ihm geht es vorrangig um den subjektiven Eindruck des Reporters, der dem Leser auf saloppe Weise verschiedene Orte des Planeten nahebringen soll – Unterhaltung eben, zurücklehnen. Erfreuen wir uns zum Ausgleich mal an dieser schönen Zeile:</p>
<blockquote><p>Als sich der Reporter aus dem Saal schlich, sang der Schlagersänger gerade: »Vielleicht gestehe ich dir heute alle meine Liebeslieder.« </p></blockquote>
<p>Auch wenn Ironie und Zynismus zwei verschiedene Paar Schuhe sind – bleiben wir großzügig! Es kann viel schlimmer kommen, warten wir es ab. Absolut empfehlenswert sind auch bei diesem Artikel die Kommentare. Da wurden Aussagen getriggert, die man in dieser Vielfalt sonst nie bekommen hätte. Vielleicht war es das, was die ZEIT-Redakteure wollten: Die Anklamer sollten endlich enger zusammenrücken! Anfangen möchte ich mit dem ortsansässigen Verein <em>Initiativen für Anklam</em> (IfA), der umgehend eine Eingabe an den Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, aufsetzte: </p>
<blockquote><p>Sehr geehrter Herr di Lorenzo, wir, die IfA fühlen uns veranlasst, zum o.g. Artikel des Autors Moritz von Uslar Stellung zu nehmen. Natürlich liegt es uns fern, in Ihre journalistische Freiheit einzugreifen, wir möchten aber doch mit unseren Gedanken dazu nicht hinter dem Berg halten, denn wir sind auch der Meinung, dass ein Autor in einem geschätzten und meinungsbildenden Blatt wie der ZEIT nicht frei von Verantwortung ist. Verantwortung den Menschen gegenüber, über die er schreibt und die durch diesen Artikel wieder einmal in die negativen Schlagzeilen geraten sind. Es ist ein bisschen wie noch mal draufzuhauen, wenn jemand schon am Boden liegt. Hat DIE ZEIT das nötig? Wir sind ständig mit großem Engagement und persönlichem Einsatz darum bemüht, das Blatt endlich zum Besseren zu wenden, stoßen an Grenzen, kämpfen weiter und freuen uns über erste Erfolge, die bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dass das in einer Stippvisite von außen nicht gleich wahrgenommen wird, ist verständlich. Allerdings ist es verdammt schwer, mit solch einem Negativimage, was Anklam nicht zuletzt aufgrund verschiedener Presseveröffentlichungen anhängt, jemals wieder positiv wahrgenommen zu werden.<br />
Freilich ist es einfach, in Anklam alle Klischees über eine Stadt im äußersten Nordosten Deutschlands bestätigt zu bekommen, die der Autor ganz offensichtlich mitgebracht hat.<br />
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es ihm gerade darauf ankam. Zur bildhaften Darstellung des Verfalls in Anklam wird ein Archivfoto veröffentlicht, welches mindestens 5 Jahre alt ist. In dem gezeigten Haus befindet sich seit 2005 das erfolgreich geführte Einzelhandelsgeschäft „Mode am Markt“.</p></blockquote>
<p>Der Kommentator Klein-Otti gibt sich als Insider zu erkennen und widerspricht Uslars Eindruck von der beschriebenen Bierkneipe: </p>
<blockquote><p>in der genannten kneipe treffen jung und alt,linke,rechte, einwanderer aufeinander und in den 20-30 besuchen von mir hat niemand randaliert.</p></blockquote>
<p>Der Kommentar von nordost2 enthält sogar einen gutgemeinten Ratschlag:</p>
<blockquote><p>Ach Herr von Uslar, das ist langweilig. Derlei Artikel über Ostdeutsche Kleinstädte stapeln sich doch schon im Zeit-Archiv. Da hätten Sie auch nach Bernau oder Eberswalde fahren können und wären sicher noch rechtzeitig zu einer angesagten Party in Berlin zurückgewesen.</p></blockquote>
<p>ReVaan kommentiert aus der Sicht des Exil-Anklamers: </p>
<blockquote><p>Das der Ort und die Situation für jemand Außenstehenden trostlos, verwahrlost und sinnbildlich für die „Ach so verkommene Gegend Nordostdeutschland“ sein muss, kann ich akzeptieren und sogar verstehen. Die Situation mit den Rechtsradikalen nimmt langsam überhand und auch so kann man der immer schlimmer werdenden Notlage förmlich zusehen. Menschen verlieren ihre Arbeit, Läden schließen und das Äußerliche der Stadt wird immer schäbiger. Und trotzdem muss ich sagen, dass ich immer wieder gerne hinfahre (fast jedes Wochenende). Man hat dort seine Freunde, seine Familie. Es macht Spaß mit diesen dort etwas zu unternehmen auch wenn man nur begrenzte Möglichkeiten hat. Schade dass der Reporter sich fast nur Orte gesucht hat, die zwar zutreffend beschrieben sind, aber meines Erachtens nicht für Anklam als Ganzes gelten.</p></blockquote>
<p>Wer noch etwas mehr Zeit in <em>ZEIT online</em> investieren möchte, dem sei der Kommentar-Mehrteiler von Johannah Rapunzel ans Herz gelegt. Sie antwortet sehr detailliert und wegen des Zeichenlimits der Kommentarfunktion in insgesamt zehn Teilen.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/58/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/58/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=58&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Jener Paradies: Zu einem Interview mit Andrea Hanna Hünniger in der Süddeutschen Zeitung.</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 23:37:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[1990er]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Andrea Hanna Hünniger]]></category>
		<category><![CDATA[Dritte Generation Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerungskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Nachwendezeit]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Identitätskonstruktion]]></category>

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		<description><![CDATA[„Um drei Uhr nachmittags ist der große Platz gesperrt. In der Mitte unseres Plattenbauviertels wird ein gigantischer Supermarkt eröffnet. Endlich.“ Mit der Supermarkteröffnung, parallel zu einem vorbereiteten Bahnsuizid, eröffnet Andrea Hanna Hünniger ihr Erinnerungsbuch Das Paradies &#8211; Meine Jugend nach der Mauer über das Aufwachsen im Ostdeutschland der 1990er Jahre und in gewisser Weise tauchen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=64&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>„Um drei Uhr nachmittags ist der große Platz gesperrt. In der Mitte unseres Plattenbauviertels wird ein gigantischer Supermarkt eröffnet. Endlich.“</p></blockquote>
<p>Mit der Supermarkteröffnung, parallel zu einem vorbereiteten Bahnsuizid, eröffnet Andrea Hanna Hünniger ihr Erinnerungsbuch <em><a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1641105/">Das Paradies &#8211; Meine Jugend nach der Mauer</a></em> über das Aufwachsen im Ostdeutschland der 1990er Jahre und in gewisser Weise tauchen die Elemente der üblichen Stereotypien bei ihr auch auf. Aber etwas ist doch anders. Die Autorin berichtet nicht aus der externen Perspektive, sondern aus ihrer Biografie. Daher gehört sie natürlich eher in die Kategorie Eigenwahrnehmung Ost.</p>
<div id="attachment_65" class="wp-caption alignnone" style="width: 500px"><img class="size-full wp-image-65" title="Laustitz_Center" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/laustitz_center.jpg?w=490&#038;h=367" alt="Lausitz Center Hoyerswerda" width="490" height="367" /><p class="wp-caption-text">Überall ist Supermarkt. In der Mitte der Plattenbauviertel: Einkaufszentrum in Hoyerswerda.</p></div>
<p><span id="more-64"></span>Ich möchte sie trotzdem hier erwähnen, weil sich auch diese Facette nicht vom Anliegen dieses Weblogs abtrennen lässt und weil Andrea Hanna Hünniger <a href="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/537446/Das-Land-das-mich-gepraegt-hat-ist-nicht-mehr-da">aktuell in der Süddeutschen Zeitung</a> die Gelegenheit bekommt, ein wenig Differenzierungsarbeit zu leisten. Dabei erweist es sich in der Tat als sinnlos, auf Klischeevermeidung zu gehen:</p>
<blockquote><p>„Natürlich wird gesagt, ich habe Klischees beschrieben, aber das gab es nun einmal so.“</p></blockquote>
<p>Entscheidend auch für unsere Diskursanalyse ist, wer was wie und zu welchem Zweck formuliert. Natürlich verallgemeinert die Interviewte ebenfalls gehörig, wenn sie sagt:</p>
<blockquote><p>„Ja, aber bei uns ist das, worauf wir zurückgreifen, ein schwarzer Fleck.“</p></blockquote>
<p>da die Generation der Eltern jede analytische Retrospektion verweigern. Es gibt genügend andere Fälle. Auch aktive Vergangenheitsbewältigung lässt sich durchaus finden. Aber es existiert zweifelsohne auch diese Sichtachse der totalen Aus- und Ablende. Und darum geht es Andrea Hanna Hünniger, wenn sie die biografischen Brüche betont.</p>
<p>Den Unterschied im Umgang mit den ostdeutschen Deutungsschnittmustern macht ihre Perspektive: Andrea Hanna Hünniger schreibt nicht, um einen mehr oder minder objektiven Lagebericht zu geben. Sondern sie schreibt darüber, wie es für sie war, die Lage zu leben. Sie konstruiert in ihrer Autofiktion ihr Leben nach und modelliert aus ihrem Leben ein spezifisches und unvermeidlich authentisches Bild Ostdeutschlands. Es ist nicht objektiv gemeint, sondern unmittelbar.</p>
<p>Bisweilen führt dieser individualisierte Blick freilich zu scheinbar eindimensionalen Wahrnehmungen:</p>
<blockquote><p>„Das verkrampfte Verhältnis der Menschen zu Regeln, die mit diktatorischer Genauigkeit verfolgt werden. Beispielsweise ein Hotelbesitzer in Weimar, der mir persönlich beleidigt war, weil ich eine Zigarette geraucht habe im Zimmer.“</p></blockquote>
<p>An diesem Ereignis ist bis auf den Ort Weimar zunächst nichts typisch ostdeutsch. Es ließe sich jederzeit in einer Pension im Odenwald haargenau rekonstruieren. Wer allerdings die Hintergründe kennt, der liest noch etwas anderes mit.</p>
<p>Die Muster der totalen Anpassung, die von der, wenn man so will, ersten Generation aus noch ganz anderen Zeiten übernommen und in die zweite Generation mit einer bestimmten ideologisch-modernisierten Fassung tradiert wurden, führten bei denen, die sich und ihre Lebenskonzepte  nach 1989 tief verunsichert selbst und oft gegen ihren Willen hinterfragen mussten, also bei der Generation der Eltern Andrea Hanna Hünnigers, nicht selten zu Überkompensationen.</p>
<p>Die Klammer, die man mit der DDR verlor, wurde durch eine andere ersetzt, die wahlweise die Form der Verklärung oder der Verdammung annahm. Die Entwicklung von Strategien eines gelasseneren Umgangs mit den Bedingungen des neuen Gesellschaftssystems gelang dabei nur selten und am ehesten noch bei Teilen der neu entstehenden Mittelschicht, die sich sukzessive mit halbwegs sicheren Einkommen einen entsprechenden Lebensstandard mit Fertighaus und Mittelklasswagen erarbeiten und bei Bedarf vor die Frage nach ihrer sich entfernenden Identität vor 1990 stellen konnte. Mitunter wurde tatsächlich das Lehrbuch der Staatsbürgerkunde einfach invertiert.</p>
<p>Die so genannte <a href="http://www.dritte-generation-ost.de/3te_generation/index.html">Dritte Generation</a> sah sich noch stärker einer gebrochenen Situation gegenüber. Die Orientierungslosigkeit der Eltern, der Medien, der Schule, die ab dem Herbst 1989 nahezu in jeden ostdeutschen Haushalt zurückwirkte, bot den Heranwachsenden wenig verlässliche Stützen. Und die Vorabendserienidylle der westdeutschen Fernsehwirklichkeit der 1980er Jahre ließ sich weder auf die ostdeutschen Bedingungen übertragen noch überhaupt wirklich zu ihnen in Beziehung setzen. Zumal sie sich bei näherem Kontakt mit westdeutschen Lebenswirklichkeiten oft einfach als seifenblasierte Illusionsmalerei entpuppte. Von der Konsumteilhabe auf westdeutschem Niveau waren nicht wenige in den neuen Ländern schon aus sozio-ökonomischen Gründen ausgeschlossen. Wirklich wohlhabende Haushalte gab es in Ostdeutschland nach 1990 kaum. Für fast alle ehemaligen DDR-Bürger war die Wiedervereinigung auch eine ökonomische Stunde Null.</p>
<p>Insofern erforderten die 1990er Jahre in Ostdeutschland eine Selbst(er)findung angesichts vielfältiger Unsicherheiten. Bestimmte Symbolrahmen, gemeinsame Feindbilder und zunehmend auch Subkulturen boten den Kindern und Jugendlichen Anschlussmöglichkeiten und versprachen Stabilität. Allerdings weniger geordnet und systemisch als oft emergent, spontan und sich erst nach und nach verfestigend. Ob man Lonsdale-Hemdenträger, Sprüher, Kiffer oder manchmal auch ein biederer strebsamer Abiturient wurde, hing oft von einer einzelnen dominanten Leitfigur im persönlichen Umfeld ab. Die Frage langfristiger Planung stellte sich den meisten dieser Generation in dieser Situation erstaunlicherweise überhaupt nicht.</p>
<p>Als These könnte man vielleicht ableiten, dass die Leitmuster dieser Jugend der 1990er nicht auf übergreifende Lebensstil- und Lebensverlaufsvorbilder und -traditionen referenzierten und referenzieren konnten. Denn die Biografien und biografischen Entscheidungen der Eltern waren &#8211; anders als in Westdeutschland &#8211; in keiner Form reproduzierbar. Insofern mussten sich diese Jahrgänge der dritten Generation selbst erfinden. Die Orientierung an <em>Peers</em> und oft auch an den jeweils etwas älteren Geschwistern hatte einen größeren Einfluss als die wohlmeinend importierten Wertmaßstäbe des neu eingeführten Gesellschaftskundeunterrichts, dessen Lehrbücher die neuen ostdeutschen Lebensbefindlichkeiten, Ängste und Verwerfungen lange in keiner Weise angemessen berücksichtigten. Dass die eigenen Eltern überhaupt auf der Höhe der Zeit sein konnten, dass sie verstehen konnten, wie schwer es war, in der für einige Jahre völlig aus dem Lot geratenen ostdeutschen Gesellschaft jung zu sein, schien oft ohnehin völlig ausgeschlossen.</p>
<span style="text-align:center; display: block;"><a href="http://negativpresse.wordpress.com/2012/01/24/jener-paradies-zu-einem-interview-mit-andrea-hanna-hunniger-in-der-suddeutschen-zeitung/"><img src="http://img.youtube.com/vi/vmOeqicNH6U/2.jpg" alt="" /></a></span>
<p>„Ich wuchs auf wie Mowgli zwischen Nazis und Ravern.&#8220; erinnert sich der Rapper Morlockk Dilemma an seine Kindheit im Plattenbau-Dschungel zu Leipzig-Grünau, während Andrea Hanna Hünniger zurückschauend feststellt:</p>
<blockquote><p>„Der biographische Bruch fließt in alles ein. Aber es ist eben immer eher Kriegsgebiet als Wohlfühlwelt. Ich habe die Neunziger als Schlachtenbummler verbracht.&#8220;</p></blockquote>
<p>Hier spielt, wie bei Morlockk Dilemma, natürlich auch einiges an Selbststilisierung mit hinein. Aber irgendwie kannte man, wenn man in den ostdeutschen 1990ern jung war, doch wenigstens aus der Schule Leute, die sich jahrelang irgendwo zwischen Bomberjacken, Drogenmissbrauch und sehr viel Orientierungslosigkeit bewegten. Ein großer Teil hat sich dann schließlich erstaunlicherweise doch per Studium in den diversen Göttingens der Bundesrepublik oder per Arbeit in Südwestdeutschland gefangen.</p>
<p>Interessant und gleichwohl wiederum Klischees bestätigend &#8211; denn sowohl die Nostalgie der Sonnenalleen wie auch das Phänomen der Negativpresse Ost sind genauso wieder grobe Raster -  erscheint in dem Interview die Wahrnehmung der Wahrnehmung der DDR:</p>
<blockquote><p>„<strong> jetzt.de: Was stört dich an der DDR-Darstellung in der Öffentlichkeit?</strong></p>
<p>Hanna: Da wird eine Fantasie-DDR wiederbelebt. Darin ist die DDR Gruselshow oder unbeholfenes Traumland. Ich wurde gefragt, ob wir genug zu Essen hatten oder Weihnachten gefeiert haben. Dadurch fühle ich mich entwürdigt. Dabei gab es in dem Land Künstler, Christa Wolf oder Heiner Müller zum Beispiel, und drei Weltklasse-Orchester. “</p></blockquote>
<p>Nun sollte man nicht das dürftige Wissen der Anderen zu einer Frage der eigenen Würde extrapolieren. Die Zahl der Westdeutschen mit einem grundsätzlichen Verständnisinteresse an ostdeutschen Bedingungen war vor 1989 gering, wuchs nach 1989 nicht sonderlich und hält sich heute auch eher auf einem übersichtlichen Niveau. Wo die neuen Bundesländer im Lebensalltag keine Rolle spielen, bleiben sie draußen, so wie auch die genannte Kategorie von Künstlern für einen Großteil der Menschen nicht von Belang war. Wer heute in Bochum jung ist, lebt nach wie vor eine völlig andere Jugend, als der, der in Cottbus aufwächst. Und Heiner Müller wird ihm so gleichgültig sein wie einem Ostdeutschen seiner Generation ein Hans Magnus Enzensberger.</p>
<p>Ekkehart Rudolph, der im Jena der ersten Generation studierte und seit 1958 in der Bundesrepublik als Journalist arbeitet, schrieb in seiner kurzen und treffenden Besprechung von <em>Das Paradies</em> für die Stuttgarter Zeitung (Ausgabe 16.11.2011, S.43):</p>
<blockquote><p>„Ihr [Hünnigers] Text liest sich wie die Reportage einer Jugendlichen, die gelegentlich in die Nähe der Plauderei gerät. Das macht die Lektüre leichtfüßig und unterhaltsam, zugleich gewinnt man durch das Buch Einsicht in ostdeutsche Seelenlagen, die im Westen immer noch gelegentlich missverstanden werden.“</p></blockquote>
<p>Anna Hanna Hüniger schrieb zwei Tage zuvor in einem Konzertbericht für die WELT (14.11.2011, S.21):</p>
<blockquote><p>„Lana Del Rey singt [...] von den Unmöglichkeiten in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten; vom Mensch, der total frei ist, und trotzdem scheitert, der leidet.“</p></blockquote>
<p>Vielleicht findet sich in diesem <em>locus communis</em>, dieser Kombination einer großen vermeintlichen Freiheit und dem Leiden an dem darin immanenten möglichen Scheitern neben dem Appeal der Lana del Rey auch das große Leitmotiv hinter der Seelage ihrer Generation.</p>
<p style="text-align:right;">Berlin, 23.01.2012</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/64/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/64/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=64&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Laustitz_Center</media:title>
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	</item>
		<item>
		<title>Chemnitz, das Minsk des Westens</title>
		<link>http://negativpresse.wordpress.com/2012/01/18/chemnitz-das-minsk-des-westens/</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 10:25:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander</dc:creator>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[Sachsen]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Chemnitz]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Marx]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>

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		<description><![CDATA[»Nur 20 Prozent aller Menschen haben ein Gespür für Ironie, was bedeutet, dass achtzig Prozent der Erdbevölkerung alles für bare Münze nehmen.« (Douglas Coupland: JPod) Autor: Michael Gückel Titel: Cui bono, Chemnitz? Vom einstigen DDR-Gulag zur Hauptstadt des Grauens. Erschienen in: taz (www.taz.de) am: 2.1.2012 über: Chemnitz Gründe, dieses Weblog aus der Taufe zu heben, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=48&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>»Nur 20 Prozent aller Menschen haben ein Gespür für Ironie, was bedeutet, dass achtzig Prozent der Erdbevölkerung alles für bare Münze nehmen.«<br />
(Douglas Coupland: JPod)</em></p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 384px"><img alt="Karl Marx kann da nicht lachen." src="http://farm8.staticflickr.com/7019/6399038999_f1ffb7215e.jpg" title="Karl-Marx-Nischel" width="374" height="500" /><p class="wp-caption-text">Karl Marx kann da nicht lachen.</p></div>
<p><strong>Autor</strong>: Michael Gückel<br />
<strong>Titel</strong>: <em>Cui bono, Chemnitz? Vom einstigen DDR-Gulag zur Hauptstadt des Grauens.</em><br />
<strong>Erschienen in</strong>: taz (<a href="http://taz.de/Die-Wahrheit/!84727/" target="_blank">www.taz.de</a>)<br />
<strong>am</strong>: 2.1.2012<br />
<strong>über</strong>: Chemnitz </p>
<p>Gründe, dieses Weblog aus der Taufe zu heben, gab und gibt es genügend. Der eigentliche Auslöser war ein Artikel des taz-Genossen Michael Gückel: <em>Cui bono, Chemnitz? Vom einstigen DDR-Gulag zur Hauptstadt des Grauens.</em> Darin vergleicht der Autor das frühere Karl-Marx-Stadt mit Tschernobyl und bezeichnet den Karl-Marx-Kopf, kurz: Nischel, als verstrahlten Meteorklumpen. Um es gleich vorweg zu nehmen, denn das wurde nicht jedem sogleich klar, wie die meisten der 742 Kommentare beweisen: Alles nur Spaß! Erschienen ist der Spaß-Beitrag in <a href="http://taz.de/1/wahrheit/selbstdarstellung/" target="_blank">Die Wahrheit</a>, der Satire- und Humorseite der taz.de: »<em>Die Wahrheit</em> hat drei Grundsätze: Warum sachlich, wenn es persönlich geht. Warum recherchieren, wenn man schreiben kann. Warum beweisen, wenn man behaupten kann. Deshalb weiß <em>Die Wahrheit</em> immer, wie weit man zu weit gehen kann.«</p>
<p>Man kann den vorliegenden Artikel ganz gut als Parodie auf die herkömmliche <em>Negativpresse Ost</em> lesen, denn er enthält bereits viele wesentliche Elemente aus denen solche Beiträge sonst gestrickt werden. »Die Welt wird langsam blass und immer grauer, Chemnitz kann nicht mehr weit sein.« Bereits der erste Satz ist ein Paradebeispiel, weil er sich auch auf den Himmel bezieht, der wie immer grau ist, grau sein muss, denn man befindet sich in Ostdeutschland. Deutschland ist, bedingt durch die Wolkenmauer der Alpen, wahrlich keine Sonnenscheininsel, doch im Osten scheint sie nie zu scheinen, die Sonne, wenn Reporter dort unterwegs sind. <em>Ex oriente krux.</em></p>
<p>Als nächstes sind die Plattenbauten dran, aus denen bekanntlich die gesamte ehemalige DDR errichtet wurde – im Westen gibt es so etwas ja nicht. Monotonie, wohin man sieht. Warum verfährt sich die <em>Journallaie</em> auch immer ausgerechnet in die Neubaugebiete? Gückel schreibt: </p>
<blockquote><p>»In den Siebziger und Achtziger Jahren ging es weiter bergab mit den Karl-Marx-Städtern. Sie wurden Teil eines groß angelegten Versuchsaufbaus, bei dem die psychische Belastbarkeit der Bürger getestet wurde. Man transformierte die Stadt immer weiter in ein klobiges Plattenbaulabyrinth, das nur zwei Extreme kannte: kackbraun und aschgrau.«</p></blockquote>
<p>Ein weiteres typisches Element sind die Gedenkkreuze für jugendliche Verkehrsopfer an den Straßenrändern, oft, allzu oft gesehen an Alleen in Branden- oder Mecklenburg. In meinen Augen war das vor allem ein Phänomen der Neunziger. Mich würde heute interessieren, wie viele Fälle davon Selbstmorde waren. Weil die Freundin weggelaufen ist, weil die Situation perspektivlos war, weil weil weil …</p>
<p>Die allseits unbeliebten Neonazis kommen in dem Satire-Beitrag merkwürdigerweise nicht vor, dafür gibt es ein Potpourri der ansonsten üblichen Schlagworte: Hartz-IV-Empfänger, Bevölkerungsschwund, Image-Kampagne. Auch über den sächsischen Dialekt und den Ortsnamen wird sich – zu akademisch, wie ich finde – lustig gemacht; für jemanden, der in Eisenhüttenstadt ausgewachsen ist, welches übrigens 1953 Karl-Marx-Stadt heißen sollte, dann jedoch den Namen <em>Stalinstadt</em> verliehen bekam, ein vertrauter Topos (geisteswissenschaftlich). Darüber hinaus erfindet Michael Gückel den in Chemnitz geborenen Dichter Hermann K. Tschunke und legt diesem folgende Worte in den Mund: »In Chemnitz zu leben ist, wie einer Pflaume beim Schimmeln zuzusehen.« Immer gut, wenn man seine Meinung mit einem Schriftsteller teilen kann. Für diesen subtilen Gag bekommt der Autor einen Extrapunkt.</p>
<p>Wie so etwas bei der überwiegend ostdeutschen Leserschaft ankommt, kann man in über 700 Kommentaren lesen. Die Reaktionen reichen von »Das ist keine Pressefreiheit sondern einfach alles nur Dreck!« (Wolfgang) über »Der Autor tut mir leid! Er sollte sich mehr überlegen, was er schreibt und Chemnitz mal zB. zur Adventszeit besuchen.« (M. Wünsch, Chemnitz) bis zu »die satire ist sehr gut und wer mit offenen augen durch die stadt geht weiss was damit gemeint ist.« (Iflashback). Hier vermute ich auch einen der eigentlichen Gründe, warum hin und wieder solche (allerdings dann &#8216;ernst&#8217;) gemeinten Artikel in den seriösen Medien über den Osten erscheinen. Wer öffentlich Leute beleidigt, bekommt garantiert eine Reaktion. Wer eine ganze Stadt beleidigt, bekommt garantiert viele Reaktionen und somit Klicks auf seiner Seite. Doch darf das <a href="http://negativpresse.wordpress.com/2012/01/14/warum-negativpresse-ost/">Journalismus</a>? Um der Auflage wegen unsachlich werden? Ich dachte, das wäre allein die Domäne einer gewissen Boulevard-Zeitung. Doch zurück zum vorliegenden Artikel, denn der ist Satire. Am besten hat mir die Reaktion des Chemnitzverstehers gefallen, sie klingt so entspannt und warmherzig: </p>
<blockquote><p>»Ich mag den Text. Und Chemnitz mag ich auch, obwohl es leer ist und alt und nach Vergangenheit riecht und nicht nach Zukunft. Satire darf natürlich Stalingrad-Witze machen (langweilige taz: paar Tage später gabs einen Stalingrad-Witz auf Kosten von NRW), sie darf auch über Verkehrstote lachen (solang dabei kein taz-Genosse umkam, die werden dringender gebraucht denn je). Und Satire darf natürlich auch keine Ahnung haben. Was wir als Chemnitzer nicht dürfen: Uns aufregen und so tun, als würden wir in Neu-Paris leben. Lachen wir doch einfach mal mit. So lachen alle, der Autor über sein Werk, die Berliner Leser über Chemnitz, wir Chemnitzer über den Autor und seine abgestandenen Witze und, denn dazu braucht es Reife, vielleicht auch über uns selbst und unsere absurde Stadt. Wir lieben Chemnitz, so wie wir unsere hässlichen Kinder lieben. Denen geben wir auch weiterhin alberne Namen, weil uns altdeutsche Dichtervornamen oder nordische Möbelnamen wirklich noch blöder erscheinen. Und nun geh ich raus und werde fest den Nischl drücken. War neulich in Berlin: Der Ernst-Thälmann am Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg ist übrigens genauso groß und sieht dabei nicht annähernd so gut aus. Also, Chemnitzer: Bis dann am Nischel!« (Chemnitzversteher)</p></blockquote>
<p>Dem ist nichts hinzuzufügen.</p>
<p><strong>Foto</strong>: <a href="http://www.flickr.com/photos/kunst-am-bau-ddr/6399038999/in/set-72157628103354397/">Kunst am Bau/DDR</a> via flickr.com</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/48/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/48/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=48&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Karl-Marx-Nischel</media:title>
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	</item>
		<item>
		<title>Warum Negativpresse Ost?</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 18:58:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aus der Redaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheitsrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Pressekodex]]></category>
		<category><![CDATA[Presserecht]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Presse übernimmt in einer demokratischen Zivilgesellschaft, wie sie die Bundesrepublik Deutschland verkörpert, eine zentrale Rolle. Sie vermittelt das Geschehen, und sie vermittelt zwischen denen, die das Geschehen gestalten, und denen, für die das Geschehen gestaltet wird. Also beispielsweise zwischen den politischen Eliten und der Bevölkerung, die im Idealfall auch politisch ist, nicht selten jedoch [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=31&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Presse übernimmt in einer demokratischen Zivilgesellschaft, wie sie die Bundesrepublik Deutschland verkörpert, eine zentrale Rolle. Sie vermittelt das Geschehen, und sie vermittelt zwischen denen, die das Geschehen gestalten, und denen, für die das Geschehen gestaltet wird. Also beispielsweise zwischen den politischen Eliten und der Bevölkerung, die im Idealfall auch politisch ist, nicht selten jedoch <em>nicht ideal</em> und also verdrossen.</p>
<div id="attachment_32" class="wp-caption alignnone" style="width: 490px"><img class="size-full wp-image-32" title="Greifswald_Fackel" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/greifswald_fackel.jpg?w=490" alt="Fackel"   /><p class="wp-caption-text">Die Fackel im Ohr? Haben wir natürlich. Aber es geht uns auch im die Rettung der (ostdeutsche) Zunge sprich: Stimme sprich: Perspektive und also das jeweilige Augenspiel. Und um das Gewissen der Worte wider der Blendung und selbstverständlich auch um Masse und Macht, und wer noch etwas von Elias Canetti in diesem Kontext unterbringen kann, ist herzlich dazu eingeladen. Und auch sonst.</p></div>
<p>Die Presse moderiert Öffentlichkeit, einen Begriff, dessen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentlichkeit">Bedeutungsumfan</a>g man sich durchaus öfter einmal bewusst machen sollte. Sie kann sich bei dieser Aufgabe auf ein Freiheitsrecht (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_5_des_Grundgesetzes_f%C3%BCr_die_Bundesrepublik_Deutschland">Art. 5 GG Abs. 1</a>) berufen.</p>
<p>Für den Vollzug ihrer Berichterstattung hat sie sich jedoch selbst ihre Arbeit beschränkende Leitlinien gegeben. Der <a href="http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html">Pressekodex</a> umfasst 16 Grundsätze, die mitunter, so scheint es, nicht immer in der Berichterstattung berücksichtigt werden.</p>
<p>Alexander Fromm, Initiator und Ko-Blogger auf dieser Plattform, zeigte diesbezügliche Lücken bereits <a href="http://negativpresse.wordpress.com/about/">in der initialen Beschreibung zum Projekt</a> auf: Journalistische Sorgfalt (Ziffer 2), bisweilen die Methoden der Recherche (Ziffer 3), die Achtung der Persönlichkeitsrechte (Ziffer 8) sowie der Schutz der Ehre (Ziffer 9), die Zügelung der Sensationsberichterstattung (Ziffer 11), das Diskriminierungsverbot (Ziffer 12) und im Zusammenhang mit dem Selbstbild der Ostdeutschen auch die Schmähung bestimmter Weltanschauungen (Ziffer 10) werden in der Berichterstattung allzu oft durch Stereotypen, knallharten Storyjournalismus um jeden Preis, Bloßstellungen der Betroffenen, reißerische Aufladung und Verachtung der trotz allem identitätsbildenden biografischen Hintergründe des Sozialismus, die unzweifelhaft bei vielen Ostdeutschen nach wie vor gegeben sind, ersetzt.</p>
<p>Glücklicherweise halten sich totale Eskalationen in Grenzen. Aber es gibt sie und ein Anliegen dieses Weblogs ist es, eine Art virtuelles Archiv all dieser plumpen und auch raffinierten Klischees, Ausfälle, Missverständnisse und Irrtümer anzulegen, die sich in Zeitung, Funk und Fernsehen seit je (also in einer Traditionslinie gewissermaßen seit der Nachkriegszeit) finden und auch sicher noch lange Zeit finden lassen.</p>
<p>Es geht dabei weniger darum, allgemein mit dem Finger auf berufsethische Verstöße einzelner Journalisten oder Redaktionen zu zeigen, sondern darum, ihn in die Wunden zu legen, die nicht zuletzt aufgrund einer einseitigen und tendenziösen Berichterstattung entstehen und/oder offen gehalten werden.</p>
<p>Parallel sollen langfristig bestimmte Diskurslinien, Leitbilder und wiederkehrenden Vorurteile systematisiert werden, um sie möglicherweise irgendwann anhand des konkreten Materials selbst zum Gegenstand einer Debatte zu machen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei gerade nicht auf zuweilen holzhammerartig dargebotene Abkanzelungen des Ostens, sondern auf den eher unterschwelligen, oft einfach unsensiblen (Vorbe-)Wertungen, die ihre Wurzel zu nicht geringem Teil in zwei miteinander eng verwobenen Tatsachen haben:</p>
<p>(1) In den alten Bundesländern bzw. der alten Bundesrepublik sozialisierte Menschen haben erfahrungs- und naturgemäß nur ein bestensfalls extrinsisches Verständnis für ostdeutsche Prägungen und Mentalitäten. Je weniger Zeit jemand in Ostdeutschland verbrachte, desto ausgeprägter scheint dieser Mangel.<br />
(2) Die deutsche Presselandschaft wird bislang weitgehend von Eliten und Redaktionen mit westdeutschem Hintergrund und entsprechenden Erfahrungs- und Wahrnehmungsmustern geprägt.</p>
<p>Gerade wir mit unseren ostdeutschen Biografien sehen sehr vieles, was in Ostdeutschland auch an typisch Ostdeutschem vor sich geht, durchaus mit Skepsis, einiges mit Enttäuschung, manches mitunter sogar mit Bitterkeit. Legen wir die Zeitung daneben, dann scheint es jedoch, als sehen wir das Ganze mit anderen Schwerpunkten, mit anderen Fragen, in anderen Kontexten, mit anderen möglichen Folgen und Handlungsnotwendigkeiten.</p>
<p>Wenn es uns gelingt, an dieser Stelle und auf dieser Basis ein kleines Gegengewicht mit dem Ziel eines verstehenden Ausgleichs zu entwickeln, dann haben wir unser Ziel erreicht.</p>
<p>Das Projekt ist offen und zwar sowohl für Hinweise und Materialien wie auch für die konkrete Mitarbeit. Rückmeldungen und Anregungen sind jederzeit willkommen und können gern auch auf der <a href="http://www.facebook.com/pages/Negativpresse-Ost/129902890439862">Facebook-Seite zum Projekt</a> hinterlassen werden.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/31/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/31/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=31&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Tom Hanks und Eisenhüttenstadt</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 14:59:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[Brandenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Region]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftliche Entwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Eisenhüttenstadt]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Hanks]]></category>

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		<description><![CDATA[Autor: Roland Mischke Titel: Warum Tom Hanks sich in Eisenhüttenstadt verliebt hat Erschienen in: Augsburger Allgemeine (www.augsburger-allgemeine.de) (u.a.) am: 13.01.2012 über: Eisenhüttenstadt Man gönnt Eisenhüttenstadt den Wirbel von Herzen, den der Kurzbesuch des Schauspielers Tom Hanks Anfang Dezember letzten Jahres auslöste und der durch die dazugehörige launige Plauderei wenig später in der David-Letterman-Show noch verstärkt [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=24&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Autor:</strong> Roland Mischke<br />
<strong>Titel:</strong> <a href="http://www.augsburger-allgemeine.de/kultur/Warum-Tom-Hanks-sich-in-Eisenhuettenstadt-verliebt-hat-id18283206.html">Warum Tom Hanks sich in Eisenhüttenstadt verliebt hat</a><br />
<strong>Erschienen in:</strong> Augsburger Allgemeine (www.augsburger-allgemeine.de) (u.a.)<br />
<strong>am:</strong> 13.01.2012<br />
<strong>über:</strong> Eisenhüttenstadt</p>
<p>Man gönnt Eisenhüttenstadt den Wirbel von Herzen, den der Kurzbesuch des Schauspielers Tom Hanks Anfang Dezember letzten Jahres auslöste und der durch die <a href="http://www.moz.de/nachrichten/brandenburg/artikel-ansicht/dg/0/1/1002935/">dazugehörige launige Plauderei</a> wenig später in der <em>David-Letterman-Show</em> noch verstärkt wurde.  Dass dieses Ereignis jedoch überhaupt derart einschlägt, erklärt sich nicht zuletzt aus der Fallhöhe von der Zentralfigur dieser Geschichte &#8211; des Weltstars aus Hollywood &#8211; und dem Handlungsort: eine mit allerlei Stereotypen stigmatisierte Stadt am östlichen Rand der Bundesrepublik.  Glamour und Showkultur verbindet man mit solchen Orten eher genausowenig, wie das wirkliche Interesse an der DDR-Geschichte bei solch einer <em>Celebrity</em>.</p>
<div id="attachment_25" class="wp-caption aligncenter" style="width: 460px"><img class="size-full wp-image-25" title="ehst1" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/ehst1.jpg?w=490" alt="Eisenhüttenstadt"   /><p class="wp-caption-text">Eisenhüttenstadt / III. WK im April 2011 (Foto: privat)</p></div>
<p>Der heute in verschiedenen Regionalzeitungen erschienene Bericht Roland Mischkes setzt auf diese Pointe. Naturgemäß greift er dabei auf die passenden Stereotypen zurück. Bereits in der Überschrift <strong></strong>wird Eisenhüttenstadt ohne weiteren Anlass auf das Attribut  &#8222;SED-Ort&#8220; reduziert. Dieses Thema wird im ersten Satz aufgegriffen:</p>
<blockquote><p>„Stalinstadt“ sagte er lieber nicht vor den Kameras.&#8220;“</p></blockquote>
<p>Was schlicht falsch ist. Tom Hanks sagte während der Präsentation der ersten Fotografie in der Sendung: „Back in the days when it was still called Stalinstadt &#8211; no lie! &#8230;&#8220; und trifft dabei die historische Einordnung noch sensibler als die SED-Attributierung bei Roland Mischke. Sein Text ist ansonsten vergleichsweise zahm, versucht sich punktuell in Ironie:</p>
<blockquote><p>„die 34000-Einwohner-Kommune Eisenhüttenstadt freien Lauf, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Stalinstadt ihre Karriere als Modell für den unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus begonnen hatte.“</p></blockquote>
<p>und weiß ansonsten genau, wie die Botschaft auszusehen hat:</p>
<blockquote><p>„Heute ist der Industriestandort – wie viele andere in den neuen Bundesländern – marode. Einwohner verlierend, leidet er mehr an seiner Vergangenheit, als dass er von ihr profitiert.“</p></blockquote>
<p>Faktisch ist hier wenig einzuwenden, obschon die teilweise beinah übersanierten Innenstadtbereiche ein anderes Bild vermitteln. Die Stadt hat es schwer und dies besonders aufgrund ihrer Grundanlage als sozialistische Planstadt. Das betrifft sowohl Stadtraum als auch Mentalität. Das Wort &#8222;marode&#8220; impliziert jedoch Hoffnungslosigkeit und einen unumkehrbaren Zustand.</p>
<p>Unter anderem nach der Ansiedlung einer zwar nicht arbeitsplatzintensiven aber durchaus <a href="http://www.rbb-online.de/nachrichten/wirtschaft/2011_09/eisenhuettenstaedter.html">bemerkenswert großen</a> Wellpapierfabrik lässt sich die Entwicklung so zunächst einmal nicht in Übereinstimmung mit der Bedeutung des Worts &#8222;marode&#8220; setzen. Die Zuspitzung ist jedoch für die Dramaturgie des Artikels notwendig, denn Roland Mischke berichtet gegen Ende des Textes:</p>
<blockquote><p>„Hanks betonte bei David Letterman, er habe sich vor allem für die Architektur interessiert und das Leben der Menschen in einer Stadt, die im Sozialismus groß herauskommen sollte. Dass sie nun dahinsiecht, er aber in der relativen Perspektivlosigkeit für einen Adrenalinschub sorgen konnte, nimmt er froh und gelassen hin.“</p></blockquote>
<p>„[G]roß herauskommen“ erscheint hier ebenfalls als semantische Beugung des Planstadtsgedanken und vernachlässigt, dass sowohl die Stadt ihren Popularitätshöhepunkt schon überschritten hatte, als sie 1961 zu Eisenhüttenstadt wurde. Sie kam bereits im frühen DDR-Sozialismus groß heraus und war natürlich auch in der Folge stabiler Bestandteil des Aufbau-Narrativs der Deutschen Demokratischen Republik.</p>
<p>Wichtig für die Vorstellungswelt des Artikels ist der Eindruck, dass die Stadt ein Star werden sollte. Denn damit wird die Analogie zu Tom Hanks aufgebaut, der einen solchen Status repräsentiert. Während Tom Hanks erfolgreich ist, ist Eisenhüttenstadt gescheitert und im Siechtum. Die spannende Frage im Subtext des Artikels baut auf dieser Diskrepanz:  Er ist ein Star &#8211; holt er sie raus?</p>
<p>Natürlich nicht. Aber, so die Rolle von Tom Hanks laut der Interpretation Roland Mischkes, er sorgt für Aufregung, belebt also die Stadt im Niedergang, wenn auch mehr für den Moment, wieder. Und ganz souverän, „froh und gelassen“ steht der sympathische Schauspieler über den Dingen.</p>
<blockquote><p>„Das Studiopublikum applaudierte.“</p></blockquote>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/24/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/24/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=24&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Negativpresse Ost</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 21:54:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ben</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aus der Redaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[Digitale Dokumentationsstelle für die Presseberichterstattung über Ostdeutschland. Demnächst an dieser Stelle.<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=1&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-14" title="gitter" src="http://negativpresse.files.wordpress.com/2012/01/gitter.jpg?w=490" alt="Gitter Bild"   /></p>
<p>Digitale Dokumentationsstelle für die <a href="http://negativpresse.wordpress.com/about/">Presseberichterstattung über Ostdeutschland</a>.</p>
<p>Demnächst an dieser Stelle.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/negativpresse.wordpress.com/1/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/negativpresse.wordpress.com/1/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=negativpresse.wordpress.com&amp;blog=31330377&amp;post=1&amp;subd=negativpresse&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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