„Um drei Uhr nachmittags ist der große Platz gesperrt. In der Mitte unseres Plattenbauviertels wird ein gigantischer Supermarkt eröffnet. Endlich.“

Mit der Supermarkteröffnung, parallel zu einem vorbereiteten Bahnsuizid, eröffnet Andrea Hanna Hünniger ihr Erinnerungsbuch Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer über das Aufwachsen im Ostdeutschland der 1990er Jahre und in gewisser Weise tauchen die Elemente der üblichen Stereotypien bei ihr auch auf. Aber etwas ist doch anders. Die Autorin berichtet nicht aus der externen Perspektive, sondern aus ihrer Biografie. Daher gehört sie natürlich eher in die Kategorie Eigenwahrnehmung Ost.

Lausitz Center Hoyerswerda

Überall ist Supermarkt. In der Mitte der Plattenbauviertel: Einkaufszentrum in Hoyerswerda.

Ich möchte sie trotzdem hier erwähnen, weil sich auch diese Facette nicht vom Anliegen dieses Weblogs abtrennen lässt und weil Andrea Hanna Hünniger aktuell in der Süddeutschen Zeitung die Gelegenheit bekommt, ein wenig Differenzierungsarbeit zu leisten. Dabei erweist es sich in der Tat als sinnlos, auf Klischeevermeidung zu gehen:

„Natürlich wird gesagt, ich habe Klischees beschrieben, aber das gab es nun einmal so.“

Entscheidend auch für unsere Diskursanalyse ist, wer was wie und zu welchem Zweck formuliert. Natürlich verallgemeinert die Interviewte ebenfalls gehörig, wenn sie sagt:

„Ja, aber bei uns ist das, worauf wir zurückgreifen, ein schwarzer Fleck.“

da die Generation der Eltern jede analytische Retrospektion verweigern. Es gibt genügend andere Fälle. Auch aktive Vergangenheitsbewältigung lässt sich durchaus finden. Aber es existiert zweifelsohne auch diese Sichtachse der totalen Aus- und Ablende. Und darum geht es Andrea Hanna Hünniger, wenn sie die biografischen Brüche betont.

Den Unterschied im Umgang mit den ostdeutschen Deutungsschnittmustern macht ihre Perspektive: Andrea Hanna Hünniger schreibt nicht, um einen mehr oder minder objektiven Lagebericht zu geben. Sondern sie schreibt darüber, wie es für sie war, die Lage zu leben. Sie konstruiert in ihrer Autofiktion ihr Leben nach und modelliert aus ihrem Leben ein spezifisches und unvermeidlich authentisches Bild Ostdeutschlands. Es ist nicht objektiv gemeint, sondern unmittelbar.

Bisweilen führt dieser individualisierte Blick freilich zu scheinbar eindimensionalen Wahrnehmungen:

„Das verkrampfte Verhältnis der Menschen zu Regeln, die mit diktatorischer Genauigkeit verfolgt werden. Beispielsweise ein Hotelbesitzer in Weimar, der mir persönlich beleidigt war, weil ich eine Zigarette geraucht habe im Zimmer.“

An diesem Ereignis ist bis auf den Ort Weimar zunächst nichts typisch ostdeutsch. Es ließe sich jederzeit in einer Pension im Odenwald haargenau rekonstruieren. Wer allerdings die Hintergründe kennt, der liest noch etwas anderes mit.

Die Muster der totalen Anpassung, die von der, wenn man so will, ersten Generation aus noch ganz anderen Zeiten übernommen und in die zweite Generation mit einer bestimmten ideologisch-modernisierten Fassung tradiert wurden, führten bei denen, die sich und ihre Lebenskonzepte  nach 1989 tief verunsichert selbst und oft gegen ihren Willen hinterfragen mussten, also bei der Generation der Eltern Andrea Hanna Hünnigers, nicht selten zu Überkompensationen.

Die Klammer, die man mit der DDR verlor, wurde durch eine andere ersetzt, die wahlweise die Form der Verklärung oder der Verdammung annahm. Die Entwicklung von Strategien eines gelasseneren Umgangs mit den Bedingungen des neuen Gesellschaftssystems gelang dabei nur selten und am ehesten noch bei Teilen der neu entstehenden Mittelschicht, die sich sukzessive mit halbwegs sicheren Einkommen einen entsprechenden Lebensstandard mit Fertighaus und Mittelklasswagen erarbeiten und bei Bedarf vor die Frage nach ihrer sich entfernenden Identität vor 1990 stellen konnte. Mitunter wurde tatsächlich das Lehrbuch der Staatsbürgerkunde einfach invertiert.

Die so genannte Dritte Generation sah sich noch stärker einer gebrochenen Situation gegenüber. Die Orientierungslosigkeit der Eltern, der Medien, der Schule, die ab dem Herbst 1989 nahezu in jeden ostdeutschen Haushalt zurückwirkte, bot den Heranwachsenden wenig verlässliche Stützen. Und die Vorabendserienidylle der westdeutschen Fernsehwirklichkeit der 1980er Jahre ließ sich weder auf die ostdeutschen Bedingungen übertragen noch überhaupt wirklich zu ihnen in Beziehung setzen. Zumal sie sich bei näherem Kontakt mit westdeutschen Lebenswirklichkeiten oft einfach als seifenblasierte Illusionsmalerei entpuppte. Von der Konsumteilhabe auf westdeutschem Niveau waren nicht wenige in den neuen Ländern schon aus sozio-ökonomischen Gründen ausgeschlossen. Wirklich wohlhabende Haushalte gab es in Ostdeutschland nach 1990 kaum. Für fast alle ehemaligen DDR-Bürger war die Wiedervereinigung auch eine ökonomische Stunde Null.

Insofern erforderten die 1990er Jahre in Ostdeutschland eine Selbst(er)findung angesichts vielfältiger Unsicherheiten. Bestimmte Symbolrahmen, gemeinsame Feindbilder und zunehmend auch Subkulturen boten den Kindern und Jugendlichen Anschlussmöglichkeiten und versprachen Stabilität. Allerdings weniger geordnet und systemisch als oft emergent, spontan und sich erst nach und nach verfestigend. Ob man Lonsdale-Hemdenträger, Sprüher, Kiffer oder manchmal auch ein biederer strebsamer Abiturient wurde, hing oft von einer einzelnen dominanten Leitfigur im persönlichen Umfeld ab. Die Frage langfristiger Planung stellte sich den meisten dieser Generation in dieser Situation erstaunlicherweise überhaupt nicht.

Als These könnte man vielleicht ableiten, dass die Leitmuster dieser Jugend der 1990er nicht auf übergreifende Lebensstil- und Lebensverlaufsvorbilder und -traditionen referenzierten und referenzieren konnten. Denn die Biografien und biografischen Entscheidungen der Eltern waren – anders als in Westdeutschland – in keiner Form reproduzierbar. Insofern mussten sich diese Jahrgänge der dritten Generation selbst erfinden. Die Orientierung an Peers und oft auch an den jeweils etwas älteren Geschwistern hatte einen größeren Einfluss als die wohlmeinend importierten Wertmaßstäbe des neu eingeführten Gesellschaftskundeunterrichts, dessen Lehrbücher die neuen ostdeutschen Lebensbefindlichkeiten, Ängste und Verwerfungen lange in keiner Weise angemessen berücksichtigten. Dass die eigenen Eltern überhaupt auf der Höhe der Zeit sein konnten, dass sie verstehen konnten, wie schwer es war, in der für einige Jahre völlig aus dem Lot geratenen ostdeutschen Gesellschaft jung zu sein, schien oft ohnehin völlig ausgeschlossen.

„Ich wuchs auf wie Mowgli zwischen Nazis und Ravern.“ erinnert sich der Rapper Morlockk Dilemma an seine Kindheit im Plattenbau-Dschungel zu Leipzig-Grünau, während Andrea Hanna Hünniger zurückschauend feststellt:

„Der biographische Bruch fließt in alles ein. Aber es ist eben immer eher Kriegsgebiet als Wohlfühlwelt. Ich habe die Neunziger als Schlachtenbummler verbracht.“

Hier spielt, wie bei Morlockk Dilemma, natürlich auch einiges an Selbststilisierung mit hinein. Aber irgendwie kannte man, wenn man in den ostdeutschen 1990ern jung war, doch wenigstens aus der Schule Leute, die sich jahrelang irgendwo zwischen Bomberjacken, Drogenmissbrauch und sehr viel Orientierungslosigkeit bewegten. Ein großer Teil hat sich dann schließlich erstaunlicherweise doch per Studium in den diversen Göttingens der Bundesrepublik oder per Arbeit in Südwestdeutschland gefangen.

Interessant und gleichwohl wiederum Klischees bestätigend – denn sowohl die Nostalgie der Sonnenalleen wie auch das Phänomen der Negativpresse Ost sind genauso wieder grobe Raster –  erscheint in dem Interview die Wahrnehmung der Wahrnehmung der DDR:

jetzt.de: Was stört dich an der DDR-Darstellung in der Öffentlichkeit?

Hanna: Da wird eine Fantasie-DDR wiederbelebt. Darin ist die DDR Gruselshow oder unbeholfenes Traumland. Ich wurde gefragt, ob wir genug zu Essen hatten oder Weihnachten gefeiert haben. Dadurch fühle ich mich entwürdigt. Dabei gab es in dem Land Künstler, Christa Wolf oder Heiner Müller zum Beispiel, und drei Weltklasse-Orchester. “

Nun sollte man nicht das dürftige Wissen der Anderen zu einer Frage der eigenen Würde extrapolieren. Die Zahl der Westdeutschen mit einem grundsätzlichen Verständnisinteresse an ostdeutschen Bedingungen war vor 1989 gering, wuchs nach 1989 nicht sonderlich und hält sich heute auch eher auf einem übersichtlichen Niveau. Wo die neuen Bundesländer im Lebensalltag keine Rolle spielen, bleiben sie draußen, so wie auch die genannte Kategorie von Künstlern für einen Großteil der Menschen nicht von Belang war. Wer heute in Bochum jung ist, lebt nach wie vor eine völlig andere Jugend, als der, der in Cottbus aufwächst. Und Heiner Müller wird ihm so gleichgültig sein wie einem Ostdeutschen seiner Generation ein Hans Magnus Enzensberger.

Ekkehart Rudolph, der im Jena der ersten Generation studierte und seit 1958 in der Bundesrepublik als Journalist arbeitet, schrieb in seiner kurzen und treffenden Besprechung von Das Paradies für die Stuttgarter Zeitung (Ausgabe 16.11.2011, S.43):

„Ihr [Hünnigers] Text liest sich wie die Reportage einer Jugendlichen, die gelegentlich in die Nähe der Plauderei gerät. Das macht die Lektüre leichtfüßig und unterhaltsam, zugleich gewinnt man durch das Buch Einsicht in ostdeutsche Seelenlagen, die im Westen immer noch gelegentlich missverstanden werden.“

Anna Hanna Hüniger schrieb zwei Tage zuvor in einem Konzertbericht für die WELT (14.11.2011, S.21):

„Lana Del Rey singt […] von den Unmöglichkeiten in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten; vom Mensch, der total frei ist, und trotzdem scheitert, der leidet.“

Vielleicht findet sich in diesem locus communis, dieser Kombination einer großen vermeintlichen Freiheit und dem Leiden an dem darin immanenten möglichen Scheitern neben dem Appeal der Lana del Rey auch das große Leitmotiv hinter der Seelage ihrer Generation.

Berlin, 23.01.2012

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