„Kein Sex, viel Bier, fast nur Männer, Musik und eine Menge komisches, oft rechtsradikales Geschwätz: Davon handelt dieser Bericht.“ – Wolfgang Höbel über Moritz von Uslars Deutschboden. (In: Wo Deutschlands wilde Kerle wohnen. Spiegel online. 02.10.2010)

Als Ergänzung zur Auseinandersetzung mit Moritz von Uslars Anklam-Bild bietet sich ein Blick auf dessen Buch Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung. (Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2010) durchaus an.

Der Klappentext beschreibt, worum es dem behuteten Reporter geht:

„Moritz von Uslar geht in eine Kleinstadt im Osten Deutschlands, er bleibt drei Monate und kehrt mit dieser großen Erzählung, einer Geschichte der Gegenwart, die gleichzeitig Reportage und Abenteuerroman ist, zurück.

Draußen, vor der Großstadt, wo Hartz IV, Alkoholismus, Abwanderung und Rechtsradikalismus angeblich zu Hause sind: Hier beginnt diese Geschichte. Der Reporter sucht nach einem Ort mit Boxclub und Kneipe und findet ihn im Landkreis Oberhavel, gut eine Autostunde nördlich vor Berlin. Pension Heimat, Franky’s Place, Gaststätte Schröder:  Pils am Tresen, Diktiergerät am Mann. Der Reporter hört zu, guckt zu, trinkt mit, trainiert mit, labert mit, und am nächsten Morgen steht er wieder da. Es erscheinen der Kneipenchef Heiko, der Geschichtenerzähler Blocky, der tätowierte Punk Raoul, und damit ist der Zugang eröffnet: zu den Proben der Band »5 Teeth Less«, zu Grillfesten mit Deutschlandfahne, zum Abhängen am Kaiser’s-Parkplatz und an der Aral-Tankstelle – und zum Alltag junger Männer, die vielleicht keine großartige Zukunft haben, aber einen ziemlich guten Humor.

Die präzisen Beobachtungen, im Wortlaut mitgezeichneten Gespräche, die Gags, Sprüche, Märchen und Blödeleien und die Fülle absurder, rührender und furchterregender Alltäglichkeiten entwickeln einen Sog, der den Leser hineinzieht in das Leben in der ostdeutschen Kleinstadt. Das ist klassisches und das ist modernes Reportertum.

Moritz von Uslar besitzt den Mut, die Ausdauer und das Einfühlungsvermögen, um zu zeigen, dass Wirklichkeit immer jener Ort ist, der jenseits der Erwartung liegt. In diesem Buch ist Platz für allerhand Abstrusitäten, bloß für keine Trostlosigkeit. Deutschboden leuchtet – es ist das Licht der Tankstelle an der Ausfallstraße nachts um halb eins. „

Es hätte Eisenhüttenstadt treffen können, aber die wurde dem Autor durch die Bild-Zeitung bereits verübelt. (sh. dazu auch hier) In Schwedt kam er seinem ethnografischen Zielen schon näher, hatte aber in der „Boxsporthalle Günther Jähnke“ ein niederschlagendes Erlebnis (Sportunfall). Am Ende kam Zehdenick zu Ehren:

„Dieser Ort hat sich nicht durch besonders krasse Zustände ausgezeichnet, es ist ein schöner Ort. Überspitzt gesagt: Ich wollte nicht zwischen Plattenbauten warten, bis ich eins auf die Fresse kriege. Ich versuche, mich bewusst anders als der Reporter im Spiegel oder in der RTL-Sozialreportage zu benehmen. Ich stelle mich einfach hin, saufe und warte, wie sich die Dinge entwickeln. Das ist der absolute Luxus. Ich will über eine gewisse Stumpfheit, Getrübtheit der Wahrheit bewusst nicht hinaus. Was ich fantastisch finde, sind die äußere Ereignislosigkeit und die sprachliche Begabung der Leute.“ ( „Ich habe versucht, mich ein bisschen dumm zu stellen“ – Interview mit Moritz von Uslar. In:  taz, 22.11.2010, S.16)

Und die Zehdenicker nahmen ihm die Wahl anscheinend gar nicht übel:

„Fühlt er sich verspottet? „Nein. Er muss ja unterhalten, sonst würde das Buch keiner lesen.“ Blocky lacht beim Lesen.“

So ermittelte Kolja Reichert für die WELT bei der Nachrecherche. (Moritz von Uslar – wo die wilden Kerle wohnen, 05.10.2010)

Nicht nur Felix Helbig hätte etwas anderes erwartet. Jedenfalls kam er in einer Nebenbemerkung in einem Artikel zu einem anderen – westdeutschen – Projekt dieser Art (Und eigentlich ist das ja alles ganz normal. In: Frankfurter Rundschau 13.08.2011, S. R8)  zu dieser Einschätzung:

„Uslar hatte im vergangenen Jahr seinen schicken Altbau in Berlin-Mitte verlassen, um sich für drei Monate in einem Dorf in der brandenburgischen Provinz einzunisten und über die einfachen Menschen dort ohne deren Wissen eine „teilnehmende Beobachtung“ zu schreiben. Als das Buch „Deutschboden“ schließlich fertig war, fuhr er erneut hin und lud alle zur Lesung ins örtliche Bowling-Center ein. Das war dann die Geschichte von einem, der auszog, eins auf die Fresse zu kriegen. Bekam er zwar nicht, hätte er aber sehr verdient gehabt.“

Dabei schreibt von Uslar seine Texte doch aus Liebe. Jedenfalls arbeitete Susanne Messmer für die taz so eine Position aus „diesem großartigen Buch über Ost und West, Unterschicht und Upperclass, über Hartz IV und das Leben im Nichts, das auch ein Leben mit Existenzberechtigung ist“  heraus:

„Moritz von Uslar lernt die harten Exnazis mit den volltätowierten Supermuckis, vor denen er sich so fürchtet, nicht nur kennen. Er verliebt sich sogar in sie. Da heißt es in einem dieser schönen Uslar-Schachtelsätze: Konnte es sein, dass die Jungs eben weil sie ein Leben außerhalb des Konkurrenzdrucks und der Karrieren führten schon eine Stunde weiter waren? Konnte es sein, dass wir, die an dem abgelaufenen Konzept Selbstverwirklichung durch Arbeit festhielten, endlich anfingen, die Benachteiligten, die Randexistenzen der Gesellschaft als das zu sehen, was sie in Wahrheit wohl waren, keine Problemfälle, sondern die Mitte der Zukunft unserer Gesellschaft, die Avantgarde?“

Die Deutung ist nicht ohne Reiz und vermutlich auch nicht ohne Wahrheit, vielleicht aber dennoch ohne Tiefe. Ein wenig fragt man sich, wer hier eigentlich der Junge vom Land ist. Es ist gar nicht so sehr das Problem, dass Autoren wie Moritz von Uslar Ostdeutschland vor allem als provinzielles Skurrilien inszenieren, was Berliner Literaturwissenschaftsstudentinnen vermutlich auch in dem Glauben bestärkt, man könne pauschal von allem jenseits der Stadtgrenze als – O-Ton – ‚Flachwichserbrandenburg‘ sprechen.

Tankstelle

Bereit für den Shellshock? „Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!" schreibt Moritz von Uslar. Also zum Beispiel nach Kerpen. Da er zwar in Köln geboren ist, aber in Berlin wohnt, musste es - wohnortnah - eine Oststadt sein. Die fand er dann in Zehdenick und scannte diese ihm fremde Welt mit seinem Deutschbodenradar.

Das Problem liegt dabei eher in der Asymmetrie der Deutungshoheiten, die einem bestens vernetzten Prä-Hipster-Autor wie Moritz von Uslar jede Stimmlage schenken, die er gerade für seine persönliche Stimmungs- und Weltverarbeitung benötigt. Das demütigende Element seiner Osterschließungsprosa („ganz unten, rechts.“ – Wolfgang Höbel, SPIEGEL) liegt dagegen in der breit ausgewalzten Stimmlosigkeit der dort Eingefangenen, die sich am Ende auch noch geschmeichelt fühlen, wenn sich die Prominenz aus der Hauptstadt auf sie einlässt und als Material verwurstet. Und dann gnädig in präsidialer Jovialität ergänzt: „Ich danke diesem Ort, dass er dieses Buch erträgt.“

Hans-Willi Hermans, der einer Lesung von Uslars in Köln beiwohnen durfte, erfasst ziemlich präzise, worum es eigentlich geht (Prolls im Pils-Lokal. In: Kölnische Rundschau, 21.03.2011, S. 7):

„Da sieht Moritz von Uslar plötzlich aus wie ein übersättigter Stadtmensch, der nach dem Unverfälschten, nach dem edlen Wilden sucht. Und der ansonsten gerne übersieht, dass jeder Ethnologe beim Erforschen exotischer Völker nur dasjenige sieht, für das er auch Begriffe hat.

Reflexion und ironische Distanz vor allem sind das in seinem Fall. Von Uslar wirkt bass erstaunt und ehrlich gerührt, Formen davon auf dem platten Brandenburger Land zu finden, wo doch eigentlich nur Verzweiflung und Tumbheit zu Hause sein dürften. Fazit: Es ist höchste Zeit, einmal gründlich das Weltbild der sich epidemisch verbreitenden Spezies „Großstädtisch-bourgeoiser Pop-Literat mit leichtem Hang zur Bohème“ zu erkunden.“

Im Prinzip lässt sich das ethnoideologische Buch in die Kiste der Forschungsberichte aus gefahrvollen und verdebten Zonen einordnen, in die auch Axolotl Roadkill (bzw. Strobo) gehört: Man, d.h. die Leser in ihrem richtigen Leben, begleiten eine Identifikationsfigur, die der Bedrohung standhaft trotzt, bei einer irren Schand- bzw. Heldentat und erfahren dabei etwas aus einem völlig fremden kulturellen Kosmos. Ob im Berghain oder in Zehdenick: die Figuren werden bestrahlt, aber an keiner Stelle wirklich beleuchtet.  Man kann das natürlich „Reflexion und ironische Distanz“ nennen. Oder als eine kleine Nabelschau mit Ausblick aufs Kuriositätenkabinett charakterisieren. Oder als ein schön formuliertes Privatfernsehvergnügen mit Literaturstich bezeichnen.

Und auch Gerrit Bartels bemerkte im Tagesspiegel (Vom Winde gedreht. 31.03.2011, S.27), dass Texten dieser Art etwas besonderes innewohnt:

„Den Leser irritiert zunächst das längliche Intro von „Deutschboden“. Von Uslar macht viel Aufhebens um seine Suche und erklärt zum Beispiel erst einmal, warum Eisenhüttenstadt nichts für ihn ist, oder wie er in Schwedt scheitert. Irritierend ist auch, wie er sich unentwegt stolz auf die Schulter klopft und betont, was für ein toller Hecht er ist. Oder dass ihn die ersten Stunden in Zehdenick „irre aufgewühlt“ haben.“

Die aus solch einem Über-Ich entstehenden Expeditionsschilderungen können selbstverständlich ausgezeichnete Literatur sein. Aber sie zu authentischen Berichten zu erheben, wie es Wiebke Prombka in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein wenig vornimmt, wenn sie schreibt:

„Das Interessante an Uslars Buch ist, dass nicht etwa mit Vorurteilen aufgeräumt wird, indem sie für null und nichtig erklärt werden: Natürlich ist ein Großteil der Einwohner von Oberhavel arbeitslos, natürlich waren fast alle Jungs, mit denen Uslar Bier trinkt, in den Neunzigern kahl rasiert, natürlich werden hier noch immer rechtslastige Witz gemacht. Vielmehr zeigt Uslar diesen sozialen Kosmos in seiner inneren Logik, dem wenig Bedrohliches, dafür umso mehr Selbstverständlichkeit innewohnt. Was natürlich nichts daran ändert, dass das Leben in Oberhavel nicht eben der Idylle entspricht, in der man gern leben möchte. „Alte Kacke, gehen mir die Penner, gehen mir die Alkoholiker, Hirntoten, Eingefallenen, Zusammengefallenen und sonst wie Hinüberen und Weggetretenen in diesem Ort auf den Sack“, befindet Uslar, als er den Blick über den Marktplatz schweifen lässt. Gerade dieses Absehen von moralischer Integrität führt dazu, dass von Uslars Buch glaubwürdig wird […]“ (Nachrichten aus dem wilden Osten, faz.net, 02.10.2010)

bleibt grundfalsch. Denn dieses „Absehen von moralischer Integrität“ der Milieubeschreibungen vernachlässigen völlig die Innenwelt der Protagonisten, natürlich aber nicht die des überlegen staunenden Grill-Royalisten von Uslar, sonst daheim, wo die souverän-gelassenen Kosmopoliten und der Leuchtschrift „Capitalism kills love“  gut gelaunt über dieses ‚Auch das ist Deutschland‘ und Zoten wie „Plattenbautow“ schmunzeln. ‚Genug Sex, Champagner, schöne Menschen, Musik und eine Menge komisches Geschwätz über komisches, oft rechtsradikales Geschwätz: Davon handelt dieser Bericht.‘ – das ist das vom Deutschboden abgezogene Negativmilieu.

Fast niedlich wirkt dagegen ein für die innerdeutsche Rezeptionsforschung aufschlußreicher kleiner Artikel aus der Rheinischen Post (So leben die Hünxer. In: RP – Lokalausgabe Düsseldorf, 10.12.2010) in dem Lena Steeg scheibt:

„Zur Jubiläumsfeier des wiedervereinigten Deutschlands veröffentlichte unlängst der Autor und Journalist Moritz von Uslar eine „Deutschboden“ genannte Beobachtung, in der er das Leben in einer brandenburgischen Kleinstadt porträtiert. Eben jenes Buch hat auch Dr. Georg Cornelissen vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, vor sich auf dem Tisch liegen, als er die Hünxer Dorfbewohner gestern im Erzähl-Café begrüßt. „In dem Buch kommen Autor und Gemeinde vor allem durch gemeinsames Trinken von viel, viel Bier und Schnaps zusammen. Wir wollen das hier ein bisschen anders halten“, verspricht Cornelissen lachend. Finden die Dorfbewohner völlig ok. Es gibt Kaffee und gedeckten Apfelkuchen.“

Sie können auch anders.

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