Autor: Jens Bisky
Titel: „Meine Nazis“, „Deine Nazis“ – ein müßiges Spiel. Wie braun ist der Osten? Eine Debatte, die nicht vorankommen will. (Online)
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 01.02.2012, S. 11
über: die Debatte zu den Wurzeln des ostdeutschen Rechtsradikalismus

I

Irgendwann in den 1980er Jahren liefen nach Schulschluss drei Fünftklässler  in der sozialistischen Vorzeigestadt Eisenhüttenstadt von der POS V „Juri Gagarin“ durch den V. Wohnkomplex heim und unterhielten sich über die richtige Handhaltung beim „deutschen Gruß“. Sie waren bepackt mit Ranzen und Turnbeutel und stritten sich ein bisschen darüber, ob die Hand dazu über die Schulter nach hinten gebogen zu halten sei, wie einer es in einem Film gesehen haben wollte. Oder ob der rechte Arm kerzengerade schräg nach oben wegzustrecken sei, wie man es auf Fotografien aus einem Geschichtsbuch kannte. Zur Verdeutlichung blieb einer der drei Jungen, imitierte, was er vom Foto kannte und rief halblaut seinen Begleitern entgegen „Heil Hitler.“ Ein älterer Passant, der ihnen entgegen kam, sprang  sofort auf den Jungen zu, lief hochrot an und brüllte: „Weißt Du überhaupt, was Du hier machst!“ Er griff ihn an der Jacke und wenig ruhiger ratterte er auf die drei verängstigten Burschen ein: „Welche Schule? Wie heißt hier? Das werde ich melden. Ich werde dafür sorgen, daß das Konsequenzen hat. Für solche wie Euch ist bei uns kein Platz!“

Graffiti Eisenhüttenstadt - Februar 2012

Hitler kaputt? Nur weil man etwas durchstreicht ist es noch lang nicht verschwunden. Bisweilen ist der Effekt sogar gegenteilig, nämlich dann, wenn das Geächtete als Gegenpol zum Etablierten von denen herangezogen werden kann, die sich im Etablierten nicht wieder finden. Zumal wenn allein schon die Anspielung genügt, um sehr viel Lärm zu schlagen.

Ich erinnere mich nicht genau, ob wir uns losrissen, ob dem Mann seine groteske Überreaktion bewusst und/oder seine Einschüchterung, deren Wirkung er unschwer in unseren Gesichtern lesen konnte, ausreichend war. Aber was wir uns merkten, was wir eigentlich schon zuvor wussten bzw. hätten wissen sollen, war, welch extremes Provokationspotential in jeder noch so kleinen Referenz auf das Dritte Reich zu dieser Zeit in der DDR gegeben war. Ein hingekritzeltes Hakenkreuz in einem Schulheft konnte erhebliche biografische Folgen nach sich ziehen. Zugleich wurden Runen und Hakenkreuze manchmal nachts in den Lack der Automobile westdeutscher Besucher gekratzt um ihnen zu zeigen, dass man hier Westdeutschland mit Nazismus gleichsetzt. Und der Staatsbürgerunterricht gab sich häufig wenig Mühe, dies nicht zu vermitteln.

Mit der Geschichte und ihren Spuren verfuhr man in der DDR in der Regel pauschal, schwarz-weiß und dem geltenden Weltbild entsprechend. Ein Frühwarnsystem sorgte dafür, dass man die Schere nicht nur im Kopf der Schüler bezüglich differenzierter und differenzierender Fragen heran züchtete, sondern deren Zuschnitte auch völlig überzogen überwachte. Eine, vielleicht aus Nachlässigkeit, vielleicht aus Neugierde offensive Formulierung im Schulaufsatz konnte gravierende Konsequenzen haben. Provokation war Provokation. Man unterschied nicht oder selten nach der Intention des mutmaßlich Provozierenden, der manchmal auch einfach ohne Provokationsanspruch dort nachfragte, wo sich eine Frage aus seiner Sicht aufdrängte.

Wenn man in der DDR-Schule plump provozieren wollte, brauchte man nur einen Filzstift und den Mut zum Swastika. Die Reaktionen waren vorhersehbar. Nach 1989 brach dies auf einmal fort, die aufmerksamen Passanten waren vielleicht immer noch aufmerksam, aber nun machtlos. Man konnte sie provozieren und sich daran erfreuen, wie sie sich provoziert fühlten. Die Folgen waren gering, schienen doch die, die etwas hätten tun können, nun selber schuldig, denn sie hatte ihre Biografie ebenfalls, so der Medientenor, im Dienste einer Diktatur herunter gelebt.

II

Man muss auch diese Facetten beachten, wenn man nach den Wurzeln des Rechtsradikalismus in der DDR sucht, der sich in den frühen 1990er Jahren geradezu eruptiv in Ostdeutschland entlud. Erstaunlicherweise findet sich dieser Aspekt seltener beleuchtet, obschon das Thema selbst diese Woche dank einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in den Zeitungen erneut reflektiert wird.

Jens Bisky diskutierte die Veranstaltung am Mittwoch im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung gewohnt klug und differenziert. Das ist selbstverständlich auch hier erwähnenswert, denn obschon der Leitimpuls dieses Weblogs zur „Negativpresse Ost“ aus offensichtlich mehr einschichtigen als einsichtigen Darstellungen ostdeutscher Realitäten in der Presse kommt, wäre es nicht minder monochrom, sich nur darauf zu beschränken. Das Bild muss zwangsläufig die Wahrnehmungs- und Darstellungsmöglichkeiten Ostdeutschlands erfassen.

Jens Bisky steht sogar recht deutlich auf der Seite unseres Anliegens, denn auch er identifiziert zu Debatte klar:

„Dabei sind ziemlich dämliche Routinen entstanden. Wie unter Landsleuten üblich, nutzt man jede Gelegenheit, beleidigt zu sein, erst einmal übel zu nehmen. Ostdeutsche wehren sich gegen Klischees der Berichterstattung, Westdeutsche geben sich dem Irrglauben hin, das Problem sei erledigt, wenn man es in Ostdeutschland lokalisiert und die Mitschuld der SED-Herrschaft festgestellt hat.“

Zuvor fasste er die  übliche Sicht auch einiger Vertreter seiner Profession und allgemein erstaunlich vieler Menschen zusammen:

„Bestimmte Landstriche, kleine Städte in den fünf neuen Ländern. Plattenbauviertel in Ost-Berlin meidet man oder betritt sie mit besonderer Vorsicht. Das mag ungerecht sein, ein Vorurteil, aber das Risiko zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, geht man doch lieber nicht ein.“

Nun sind zehntausende Bewohner der kleinen Städte und Plattenbauviertel gezwungen, jeden Tag so oder so an genau diesen falschen Orten zu allen möglichen Zeiten unterwegs zu sein. Die Polizeiberichte melden dagegen vergleichsweise sehr wenige Zwischenfälle. Statistisch gesehen, ist das Risiko, am Helene-Weigel-Platz oder in Fürstenwalde Opfer eines Gewaltdelikts zu werden, vermutlich nicht viel höher, als dass einen auf der Avus der Fahrfehler eines anderen auf die Intensivstation schleudert. Angst ist bekanntlich fast überall nicht unbedingt der beste Begleiter, wenn man sich mit der Realität konfrontieren will. Leider aber oft der Keimgrund für überzogenes Handeln, Argumentieren und Klischees-Zurechtschneiden.

Das relativiert allerdings nicht, dass es, wie jeder der in ostdeutschen Kleinstädten groß wurde oder in Ostberliner Plattenbausiedlungen wohnte, bestätigen kann, einen gewissen Anteil von sehr roh und nicht unbedingt auf einer hohen Stufe der Kohlberg-Skala fest verankert handelnden Menschen gibt, den man in anderen Wohngegenden nicht derart präsent vorfindet. Also Menschen, die von radikalen und daher meist sehr simplen Erklärungsmodellen der Welt eher angesprochen werden und daher blindem Rechtspopulismus eher verfallen, als der aufgeklärten Sozialdemokratie.

„Wer es noch nicht wusste, konnte hier [auf der Veranstaltung der Bundesstiftung] noch einmal hören, wie fehlende Öffentlichkeit, die Vorliebe für das Autoritäre und die auf Gleichheit, Konformität und Homogenität zielende Politik der DDR die Entstehung einer rechten Subkultur förderte.“,

schreibt Jens Bisky. Nun ist es aber nicht so, dass jede Schicht und jedes Milieu der alten Bundesrepublik diesen Werten (Autorität, ein schlichtes Verständnis von Gleichheit, Konformität) völlig abhold war und ist. Vielmehr scheint das Bedürfnis nach klaren Orientierungen eine Grundkonstante ausgesprochen vieler zu sein. Dass die DDR schlichte Lösungen bevorzugte, lag leider auch daran, dass in ihr weitgehend schlichte Gemüter den Takt vorgaben. Einem Marschrhythmus ist leichter zu folgen, als einer Zwölftonkomposition. Insofern erweist sich das oben zitierte Steckenpferd der Schlichtheit fördernden DDR als eine hölzerne Schindmähre und im Kern mit Wurm und tautologisch.

Als leider ebenfalls etwas zu simpel präsentiert sich die Position: „Mit der Revolution wurden die Zustände in der DDR sichtbar.“, denn sie birgt die Gefahr, die Singularität der Ereignisse von 1989 und ihrer Wirkungen zu reduzieren. Die Dinge haben sich unter Einwirkung von etlichen Faktoren (vom ein Auge zukneifenden ungarischen Grenzer bis hin zur Lage des Weltmarkts) so entwickelt, wie sie sich entwickelt haben. Auch die DDR selbst war keine monokausale Veranstaltung und enthielt trotz der angestrebten Homogenisierung von Denk- und Handlungsmustern einen irreduziblen Anteil von Restpluralität und Individualität. Rechtsradikale, rechtsmotivierte oder mit rechten Gründen unterfütterte einfach nur kriminelle Gewalt gingen auch in Ostdeutschland immer nur von einer winzigen, medial aber sehr wirksamen Minderheit aus.

Jens Bisky verweist wunderbarerweise auf den, wie er schreibt, „grandiosen Artikel“ von Sabine Rennefanz für die Berliner Zeitung (Uwe Mundlos und ich.31.12.2011) und markiert mit ihr einige Leitkoordinaten, in der sich Ostdeutsche nach 1990 ihre Identität neu zu konstruieren gezwungen sahen:

„zur elenden Debatte über das Asylrecht kam die Verunsicherung der Gesellschaft Ost, der Verlust eines eindeutigen Weltbildes, das Gefühl fehlenden Sinns nach dem Ende der kommunistischen Verheißung.“

Die Sinnfrage stellte sich meiner Wahrnehmung nach weniger hinsichtlich der „kommunistischen Verheißung“, die in den 1980ern auf ein utopisch-lindgrünes Feigenblatt am welken und eher grauen Status Quo zusammengeschrumpft war. Sondern vorwiegend in Bezug auf die Dekonstruktion der individuellen Biografien. Der elementaren Orientierungslosigkeit der Ostdeutschen in dieser Zeit allein das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – ein immerhin in der allgemeinen Berieselung des Bildungs- und Medienwesens der DDR seit vierzig Jahren als politischen Zentralfeind stilisierter Staat – entgegenzuhalten, mag auf der Sachebene vielleicht wunder- und sinnvoll gewesen sein. Den Selbstwiderspruch, mit dem sich die Ostdeutschen dafür aber arrangieren mussten, die notwendige Dauer und Intensität einer Verarbeitung dessen, was geschehen war, hat dagegen offensichtlich fast niemand im Vereinigungstrubel berücksichtigt. Die Welt und die dafür zur Verfügung stehenden Erklärungsmuster waren wirklich aus den Fugen und mussten, von jedem neu und für sich selbst, gesetzt werden.

 III

Die bundesdeutsche Asylpolitik mit ihren sehr ambivalenten öffentlichen Debatten, dürfte dagegen die meisten, hauptsächlich mit ihrer eigenen Repositionierung in der Welt befassten Ostdeutschen zu dieser Zeit einerseits wenig interessiert haben. Selbst diejenigen, die sich ein Ende der DDR herbeigewünscht und herbeigearbeitet haben, stießen in bestimmter Hinsicht regelmäßig auf Situationen des eigenen Displacements. Die mit den neu eingerichteten Asylbewerberunterkünften in ihre ohnehin schwankende Lebensumwelt zu integrierende Fremdheit anderer, wenn man so will Displaced Persons (denn kaum ein Asylbewerber hatte vor, sich in diese Temporärumgebung dauerhaft anzusiedeln), führte andererseits zu einer kompletten Überforderung vieler. Und gleichzeitig zur flinken Genese leichter Feindbilder, Vorurteile und Zielscheiben, die zweifelsohne an eine ohnehin vorhandene Ablehnung alles zu fremden anknüpfen konnte. Der Versuch auch an dieser Stelle die fünf neuen Länder möglichst schnell verwaltungstechnisch zu normalisieren, führte nicht zuletzt dazu, dass man für Angst, Frust, Verunsicherung und Ohnmacht eine kontrastreiche Projektionsfläche lieferte.

Nichts davon rechtfertigt irgendeinen Brandsatz, der flog oder nur einen einzigen Faustschlag. Es ist aber erfahrungsgemäß klar, dass sich die Gewalt dieser Zeit bei Bedarf gegen alles richtete, was dem jeweiligen mühsam und brüchig zusammengezimmerten Normen- und Wertekosmos nicht entsprach und – das ist der entscheidende Aspekt – von vornherein unterlegen erschien. Dass der Antisemitismus, wie Jens Bisky erwähnt, in Ostdeutschland weniger verbreitet scheint, liegt auch daran, dass er gar nicht konkretisierbar war. Auf einer abstrakten Ebene werden dagegen bis heute nicht selten die üblichen Verschwörungsidiotien tradiert, deren Wurzeln bis tief ins Dritte Reich reichen, und die möglicherweise auch deshalb als Mythen überlebten, weil dieser Aspekt zugunsten der Heilsgeschichte des kommunistischen Widerstands in der öffentlichen Wahrnehmung der DDR sehr marginalisiert wurde. So bitter es klingt: Gewalttaten gegen Menschen jüdischen Glaubens waren in Ostdeutschland einfach weniger möglich, als Gewalt gegen Asylbewerber, Obdachlose oder Behinderte, da es kaum Konfrontationen mit diesen gab.

IV

Ich wage nicht abschließend zu beurteilen, inwiefern die bis heute mehr oder weniger höhere Gewaltbereitschaft in Ostdeutschland direkte Nachwirkung des Vakuums der frühen 1990er Jahre ist, in der auch Polizei und Justiz hoch verunsichert und überfordert waren und daher eine Körperverletzung eher wenig wog. Genauso wenig kann ich einschätzen, ob hier die vergleichsweise weniger intellektuelle Grundierung der ostdeutschen Bevölkerung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr durchsortierte, ihre Wirkung entfaltet oder ob sich nicht doch zuletzt die Spuren einer empathiereduzierten „Hab dich nicht so“-Kollektivgesellschaft  der späten DDR mit ihren vormilitärischen Ausbildungszielen niederschlagen. Richtig erscheint mir allerdings tatsächlich die abschließende Einschätzung Jens Biskys am Ende seines Artikels:

 „Vor allem aber wäre vom Staat zu fordern, dass er das Gewaltmonopol durchsetzt. Eben weil in den neunziger Jahren vielfach der Eindruck entstand, so ernst sei es damit nicht.“

Die Eskalation der ostdeutschen Gewalt in den frühen 1990er Jahren ist m. E. auch dadurch zu erklären, dass autoritär geprägte, in ihrer Identität höchst verunsicherte vorwiegend junge Männer aus bereits an sich nicht unbedingt stabilisierten Milieus einen wahrgenommen weitreichend autoritätsfreien Handlungsraum vorfanden. Diesen haben sie nach ihrer Fasson genutzt und hatten so wenigstens ein Stück weit das Gefühl, ihre Seite sei die Richtige. Auf einmal waren sie in der Rolle der Autorität, auch wenn ihre Straßenherrschaft nur auf der Terrorisierung der Mitmenschen beruhte.

Dass sie dabei oft auf rechtsradikale Symbole und Slogans zurückgriffen, hatte häufig weniger mit einer grundsätzlichen politischen Einstellung zu tun, und mehr damit, dass sich in dieser unzweifelhaft deutschen Traditionslinie das fand, womit sie sich zugleich zureichend vom Rest der Welt, von den alten und neuen Autoritäten Werten und Normen, die nun entweder ungültig oder für sie uneinlösbar schienen, abgrenzen und sich dennoch in eine heimelige neue Masse integrieren konnten. Die bis heute oft praktizierte Holzhammerstigmatisierung des rechten Ostens erinnert dabei übrigens tatsächlich wieder an die DDR und dürfte denjenigen, die sich heute noch als zonenbefreiende und heimschützende Parias fühlen, nur noch mehr als Bestätigung erscheinen. Anthropologisch gesehen erfüllt jede Ausprägung von Kultur – und sei sie noch so inhuman, chauvinistisch, grausam oder dumm –  für irgendjemanden einen Zweck. Will man an dieser Stelle etwas ändern, dann ist das Verstehen des jeweils individuell mit einer solchen Selbstassoziation verbundenen Zweckes vermutlich zielführender, als ein beständiges Fischen nach Ursachen in den allgemeinen gesellschaftlichen Untiefen der DDR. Ohne Zweifel wirkten und wirken bestimmte gesellschaftliche Muster und Normen verstärkend auf bestimmte Verhaltensweisen. Die Gemengelage der Ursachen dafür, ob jemand zum Totschläger wird, zum Agitator, zum Vorkämpfer zivilgesellschaftlicher Opposition zum Konsumjunkie oder zum Blogger (oder zu all dem in Personalunion) ist jedenfalls ungleich komplexer, als dass man sie mit dem Label SED-Diktatur in eine bequeme Kiste wegsortieren könnte.

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