Autor: Marcel Reich-Ranicki
Titel: Tante Christa, Mutter Wolfen. (Online)
Erschienen in:  DER SPIEGEL, 14/1994, S. 194-197
über: Christa Wolf, ihre Rolle in der DDR und Ostdeutschland und irgendwie auch über ihr Buch Auf dem Weg nach Tabou (Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1994)

Marcel Reich-Ranicki als Geistesgröße der alten und neuen Bundesrepublik zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. Als Doyen der Literaturkritik ist er nach wie vor jemand, der in jedem medialen Zusammenhang, in den er eintritt, sofort den Mittelpunkt markiert. Lange Zeit war er unangefochtener Patriarch des Geschmacksurteils. So streitbar und oft auch verletzend er dabei auftrat, so unzweifelhaft war seine Rolle als Meinungsführer, auch wenn seine fachlichen Urteile bei genauerer Betrachtung bisweilen von einer erschreckenden Indifferenz, starren Deutungsmustern und absoluten (Vor-)Urteilen geprägt waren (und sind). Und so viel er von der Literatur an sich verstand und versteht, so wenig lag ihm, wie man heute regelmäßig in der Rubrik Fragen Sie Reich-Ranicki der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht, an einem Blick, der seine Voranahmen ein wenig in Reflexion bringen konnte. Die Horizontlinien standen irgendwann fest und diese Mauer überlebte unter anderem auch das Jahr 1989.

Revolution

Und der Zukunft abgewandt? Für Marcel Reich-Ranicki war die Welt von Hammer, Zirkel und Ährenkranz bereits am 4.11.1989 irreparabel entzwei. Dass Christa Wolf noch etwas anderes im Blick hatte, konnte er ihr 1994 nicht nachsehen.

Einen besonders deutlichen Beleg bildet ein Verriss, den er im Jahr 1994 im SPIEGEL Christa Wolf zukommen ließ, einer Autorin, die nicht nur Andrea Hanna Hünniger zu den bewahrens- und referenzierenswerten Künstlerpersönlichkeiten der DDR zählt, die auch in der Literatur nach 1990 eine mehr als bemerkenswerte Rolle spielte und die sich dabei zugleich besonders in den frühen 1990ern heftigen persönlichen Angriffen aus vielen Richtungen ausgesetzt sah.

Der Text Marcel Reich-Ranickis ist ein solcher Affront. Allerdings ein überdurchschnittlicher, der in der ihm eigenen hochelaborierten Form der Polemik und persönlichen Attacke mit voller Kraft über das Ziel der Buchbesprechung deutlich hinausschoss. Als gelbes Eckbanner auf dem Titelblatt gedruckt sah man Anfang April 1994 sein Urteil schon am Kiosk-Aushang: „Marcel Reich-Ranicki über Christa Wolf: „Sie war und ist verblendet.“ prangen.

Marcel Reich-Ranicki ging es bei seiner Besprechung der Textsammlung „Auf dem Weg nach Tabou“ weniger um die Texte, als um eine (wiederholte) gnadenlose Abrechnung mit der Autorin, mit der er nie sonderlich viel anfangen konnte. Und die er, was sein Problem war, mit der ihm nicht minder verhassten DDR identifizierte.

Er fuhr dabei zunächst die eher kleinen gemeinen rhetorischen Geschütze auf, die ihm zur Verfügung stehen:

„[O]bwohl Christa Wolf den größten Teil ihres Lebens in Berlin verbracht hat und auch nie Lehrerin war, fällt es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, daß es eine Volksschullehrerin aus der Provinz ist, eine tüchtige und eifrige, die sich unentwegt bemüht, uns die Augen zu öffnen, uns zu warnen und zu ermahnen.“

Das könnte wortgleich auch aus dem Aufsatz eines leicht blasierten Zwölftklässers im Deutschleistungskurs stammen, der es einer Referendarin mit seiner auf Originalität getrimmten Altklugheit mal so richtig zeigen möchte. Bei Marcel Reich-Ranicki lässt so ein Seifengebläse eher an einen Loriot-Sketch denken: Das Bild hängt schief.

Marcel Reich-Ranicki pickt sich in der Folge alles raus, was eigentlich Ansichtssache ist, und schlägt es kurz und klein, damit seine Prämisse, die er vom hohen Ross auf die Ostdichterin schleudert, auch stimmt. So zieht Reich-Ranicki einem introspektivem Satz wie „Beim Schreiben kann man ja nicht lügen, sonst wird man blockiert.“ mit voller Wucht den Knüppel über, dass doch so manches literarisches Genie ein ausgemachter Flunkerer war. Wohl wahr. Doch vergreift er sich hier schlicht in der Kategorie, denn um diese Art von Lüge ging es Christa Wolf nicht.

Und dann prescht der wackere Kritiker los und geißelt sie für ihre Rede am 4. November, in der sie – im Zeitzusammenhang durchaus nachvollziehbar – eine alternative DDR und den Traum einer besseren Gesellschaft aufs Rednerpult brachte. In weiter Umsicht aus einer anderen Perspektive konnte die Deutungsprominenz aus Frankfurt am Main die Situation klar demontieren:

„Was tut also Christa Wolf angesichts dramatischer politischer Vorgänge in der Stunde der Gefahr und der Hoffnung? Sie träumt. Und sie empfiehlt dem Volk, dies ebenfalls zu tun. Es ist kaum zu fassen: Sie war damals tatsächlich überzeugt, die Berliner hätten nicht etwa gegen den Staat demonstriert, den sie längst zu allen Teufeln wünschten, sondern für eine „revolutionäre Erneuerung“. Im backfischhaften Übermut rief sie: „Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! Die Arme, sie hatte von der politischen Situation im Herbst 1989 absolut nichts begriffen.“

Marcel Reich-Ranicki transportiert hiermit die so verkehrte wie ambivalente westdeutsche Deutung der ostdeutschen Vorgänge im Herbst 1989 einfach weiter, die davon ausging, dass es jedem sofort und ausschließlich um den Anschluss an die Bundesrepublik und die D-Mark gehen musste. Er, der nichts so verachtet, wie das Mittelmaß, erhebt ausgerechnet die öffentliche Anpassung an eine vermeintliche Massenmeinung zum entscheidenden Kriterium. Er degradiert die Demonstration vom 4.11.1989 zu einer Sache der Einwohner der Hauptstadt der DDR. Und er demütigt Christa Wolf mit der Zuschreibung, sie sei eine derangierte Träumerin, die in ihrer Naivität noch nicht bereit ist, sich dem überlegenden System hinzugeben.

Jegliche Form von Alternativen zum Kohl’schen Wiedervereinigungsweg waren, so Marcel Reich-Ranicki und viele andere Beobachter dieser Zeit, weder wünschenswert noch möglich. Und sehenden Auges marschiert Reich-Ranicki in den Selbstwiderspruch:

„Sie scheint immer noch nicht verstanden zu haben, daß jene, die der Autorität hörig sind, die Konflikte mit der Mehrheit scheuen, die den Widerspruch fürchten und den Widerstand – daß sie sich nicht für die Politik eignen.“

Wenn sie sich nun, wie er es behauptet, peinlich mit einer Einzelmeinung (träumen, alternativer Sozialismus) vor der eine Million Köpfe zählenden Menge exponierte, die laut Reich-Ranicki ja nichts anderes wollte, als das, wofür sich Christa Wolf aussprach, zum Teufel zu wünschen, dann zeugt das nicht gerade von Scheu vor dem Konflikt und Furcht vor dem Widerspruch und also auch nicht von mangelnder Eignung für die Politik nach Reich-Ranickis Lesart.

„Es geht nicht darum, daß sie verblendet war,“

schulmeistert Reich-Ranicki weiter,

 „sondern daß sie es geblieben ist: Man dürfe nicht – schreibt sie im Jahre 1994! – die DDR auf den Begriff „Unrechtsstaat“ reduzieren oder sie gar dem „Reich des Bösen“ zuordnen.“

Und polemisiert nicht sonderlich gewitzt voran:

„Gewiß doch: „Unrechtsstaat“ ist für eine Tyrannei eine etwas beschönigende Bezeichnung, und man kann die DDR, die Millionen Menschen wie Häftlinge behandelt hat, nicht dem Reich des Bösen zuordnen, sie war es.“

Dass man sich mit der Allround-Deutung „Unrechtsstaat“ bzw. „Reich des Bösen“ nicht nur einer gravierenden generellen Simplifizierung schuldig macht, sondern auch all denen, die aus welchen Gründen auch immer ihr Leben in der DDR arrangiert haben und sich irgendwie nicht pausenlos drangsaliert und gefangen fühlten, das Zeugnis der ewigen Schuld in die neuen Markenschuhe schiebt, nimmt man genauso in Kauf, wie entsprechende Gegenreaktionen der Betroffenen und Gemeinten. Denn eventuelle Entgegnungen bestätigen ja erwartungsgemäß immer die eigene überlegende Position. Die bequeme rhetorische Strategie dahinter lautet: Wer dieser Deutung der DDR als „Reich des Bösen“ nicht zustimmt, war und ist verloren, verblendet und verdächtig. Oder wenigstens tumb-weinerlich (bzw. larmoyant und sentimental).

Diese Auslegung pflegt die Schule dieses Denkens auch dort, wo sie selbst weiß, wie dürftig ihr Argument ist:

„Gewiß, eine zuverlässige Parteiautorin war Christa Wolf nicht, aber doch eine Staatsdienerin, die man mit Nationalpreisen auszeichnete. Wenn man sie im Westen gelegentlich für eine Mitläuferin hielt, so täuschte man sich gründlich. Eine Mitläuferin war sie keineswegs, wohl aber eine Repräsentantin.“

Das ist der schmale Grat, auf dem Marcel Reich-Ranicki larviert, der doch zu klug ist, um sich völlig seinen Stereotypen hinzugeben. Man sieht, wie er sich in der dünnen Luft seiner Argumentation müht. Und doch versagt er völlig, wenn er angesichts der wenige Zeilen zuvor vorgenommenen Vollstigmatisierung der DDR als das „Reich des Bösen“ zu einem Wolf-Zitat anmerkt:

„Denn: „Die Deutschen brauchen es so sehr, andere fertigzumachen.“ Das verschlägt mir den Atem. Seit ich in meiner Kindheit gehört habe, daß die Juden und die Polen betrügen und schmutzig seien und überdies Untermenschen, fürchte ich solche Generalisierungen und seit ich weiß, was man den Juden und den Polen angetan hat, bringen mich derartige Verallgemeinerungen in Rage.“

Dass es vorwiegend Deutsche waren, die den Juden und Polen das antaten, worauf er sich beruft, müsste ihn eigentlich für Christa Wolfs für die Aussage offen stimmen, die er sorgfältig aus dem Originalzusammenhang schält, um sie ohne eigentlichen Bezug dafür zu benutzen, das Fass seiner Schmähkritik auch noch zur sensibelsten Dimension der deutschen Geschichte hin zu öffnen. Er vertieft es jedoch nicht weiter, was bei dieser Kontextualisierung zwingend notwendig wäre, sondern posaunt nur empört herum, bevor er zum nächsten Schlagwort greift. Und gerade dieses Vorgehen gibt der Sache noch mehr Geschmäckle.

Reich-Ranicki bleibt fortlaufend weiter atemlos, denn die Wolf erdreistet sich doch tatsächlich, ihre eigene Situation in Erinnerungen auf Reisen zum Hölderlinturm, zum Grab Georg Büchners und zu Bertolt Brechts kalifornischem Exilwohnort zu spiegeln und zu behaupten: „Ich lernte mich als deutsche Schriftstellerin sehen.“

Mehr Frevel war der größten Literaturinstanz des Nachkriegs- bis Nachwendedeutschlands kaum denkbar:

„Das verschlägt mir abermals den Atem: Sie hat keine Hemmungen, sich in eine Reihe mit den Größten zu stellen. Ist es etwa Schamlosigkeit? Nein, Geschmacklosigkeit.“

Er ergänzt tatsächlich etwas atemlos noch ein paar verreißerische Spitzen zur Qualität ihrer Arbeiten. („Nicht einmal in den Lesebüchern, die man in meiner Jugend an preußischen Gymnasien verwendete, war derartiges zu finden.“) aber die Kanone zielt hier nicht auf den Spatzen des Buches, um das es eigentlich gehen sollte, sondern auf bestimmte ostdeutsche Einstellungsmuster:

„In DDR-Zeiten war sie ein Idol, zumal westlich der Elbe, heute ist sie es wieder, zumal östlich der Elbe. […] sie war zunächst die brave Tante Christa aus Landsberg an der Warthe, und sie ist mittlerweile die Mutter Wolfen der alten DDR.“

Marcel Reich-Ranicki fehlte vermutlich wirklich das Quäntchen Orwocolor, das ihm geholfen hätte, aus seinem Schwarz-Weiß auszubrechen. Aber er war 1994 bereits 73 und damit sicher auch nicht mehr übermäßig gewillt, den über Jahrzehnte angelegten Kriterienkatalog von gut und schlecht neu zu verfeinern. Was ihm in diesem Fall blieb, war sein Eimer Galle. Und die eher hart als zart ausgespielte Deutungsmacht des SPIEGELs bot für diesen Reduktionsjournalismus eine dankbare Plattform, von der sich so manche bittere Breitseite gegen den vermeintlich unbelehrbaren und undankbaren Teil der Ostdeutschen – also pauschal gegen jene, die sich auch das ihnen neue System gleichwie zu hinterfragen trauten – feuern ließ:

„Ob es ihr gefällt oder nicht: Sie [Christa Wolf] wird gebraucht und wohl auch mißbraucht als Identifikationsfigur. Verärgerte und enttäuschte Bürger der neuen Bundesländer, die Zukurzgekommenen und Benachteiligten, jene, denen es nicht ganz so gut geht wie zu Ulbrichts und Honeckers Zeiten, alle, die damals in mehr oder weniger ernste Verstrickungen geraten sind – sie glauben, die Leiden der berühmten, doch heute so oft attackierten Schriftstellerin können sie trösten und entsühnen.“

Der Aspekt der Identifikation ist zwar grotesk überbewertet, sachlich aber nicht ohne Fundament. Nur hätte man auch diesen Aspekt anders herausarbeiten müssen, um ernstgenommen zu werden. Die zynische Sense, als die die Moralinstanz Reich-Ranicki seine bekannte persönliche Grundabneigung gegen Christa Wolf – „deren künstlerische und intellektuelle Möglichkeiten eher bescheiden sind“ so Reich-Ranicki bereits 1987  – benutzte, um ihm verständlicherweise oft unverständliche Positionen jenseits der Elbe auf Gleichmaß zu kürzen, ist dagegen auch heute noch dreifach bemerkenswert: bemerkenswert eindimensional, bemerkenswert tieffliegend, bemerkenswert stumpf.

Sowohl dem Intellektuellen wie auch dem Moralisten Marcel Reich-Ranicki muss man an dieser Stelle vorwerfen, dass ein so kluger Kopf wie seiner nicht erkannte, dass sein ganzer Artikel zu nichts anderem diente, als dem, was er beschrieb:

„Ob es ihr gefällt oder nicht: Sie wird gebraucht und wohl auch mißbraucht als Identifikationsfigur“

Berlin, 30.01.2012

(Foto: Martin Maleschka / http://www.flickr.com/photos/kunst-am-bau-ddr/6623433679/in/set-72157628093895053.)

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