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Für die ARD-Doku bricht Erich Honeckers Ehefrau Margot Feist nach Jahrzehnten ihr Schweigen. Höchst interessant. Leider kann man den Menschen nicht in den Kopf schauen, um herauszufinden, ob sie selbst das glauben, was sie sagen. Aber anhand des Gesagten merkt man schon, in welcher Gedankenwelt der Sprecher lebt. Margot Honecker ist sich keinerlei Fehler bewusst, wie viele alte Genossen auch.

Das Land heute ist nicht allein geteilt in Ost und West, sondern der Osten ist auch geteilt in Ostaliger und Menschen, die nach vorne schauen. Achtet mal darauf, was die Menschen bei Familienfeiern etc. so über die DDR sagen und versucht zu verstehen, warum sie das sagen. Es scheint mir, dass es so viele Deutsche Demokratische Repliken gab, wie die DDR Bewohner hatte.

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Alexander Cammann | DIE ZEIT

am ZEIT-Stand zur Frankfurter Buchmesse

Autor: Alexander Cammann
Titel: Das Ende des Ossis
Erschienen in: DIE ZEIT Nr. 9
am: 23.2.2012
über: Angela Merkel & Joachim Gauck

Menschen brauchen Mythen wie Kinder Märchen. Mythen sind Erzählungen, die Sinn und Gemeinschaft stiften und uns sagen, wer wir sind und woher wir kommen. Mythen halten ›ewige Wahrheiten‹ und unsere Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis lebendig. Nicht von ungefähr besteht Geschichte (im Sinne von Historia) aus der Summe vieler Geschichten. Alles sollte man sich deswegen nicht erzählen lassen. Keine Märchenstunde.

Alexander Cammann leitet seinen Artikel über die Ernennung des Ostdeutschen Joachim Gauck zum Bundespräsidenten mit der wackeligen Überschrift »Das Ende des Ossis« und einer Aufzählung zweier Mythen ein, die er als ›deutsch‹ ausgibt, obwohl sie eher zum westdeutschen Erzählkreis gehören (weitere westdeutsche Mythen jener Jahre wären übrigens der RAF-Mythos oder die ’68er):

Zwei große Erzählungen voller Wendungen und Fügungen kannte die deutsche Politik nach 1945: die Geschichte des vaterlosen Antifaschisten Willy Brandt, der 1933 emigrieren musste und mehr als drei Jahrzehnte später Bundeskanzler jener Deutschen wurde, die einst Hitler gewählt hatten. Und die 68er-Geschichte um Joschka Fischer und Co., die als Spontis, Maoisten und Revolutionäre einst das System stürzen wollten, um ebenfalls drei Jahrzehnte später sich an dessen Spitze zu tummeln.

Nach diesen beiden Aufsteigergeschichten wird Alexander Cammann selbst zum Märchenonkel und schreibt pathetisch:

Seit Sonntag ist eine dritte romantische Erzählung hinzugekommen: die der Ostdeutschen Angela Merkel und Joachim Gauck, die beide einst neu und als Außenseiter an Bord der Bundesrepublik kamen und doch auf die Kommandobrücke des Staatsschiffs gelangten. (…) Zwei Zonenkinder an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland, jener großen kapitalistischen Industrienation – es wäre 1990 kaum vorstellbar gewesen.

Damit hat er verdammt recht. Und nicht allein das: Trotz aller Unzufriedenheit und trotz anderer politischer Meinungen sollten wir kurz innehalten und uns mal klarmachen, dass wir derzeit im fortschrittlichsten und integrativsten Deutschland aller Zeiten leben. Mit Angela Merkel haben wir erstmals eine Frau zur Kanzlerin, mit Wolfgang Schäuble ist ein Rollstuhlfahrer Minister und Guido Westerwelle darf als Außenminister homophoben Scheichs die Hand schütteln. All das wäre noch in den Achtzigern undenkbar gewesen. Doch zurück zum Thema.

Dann bemüht Alexander Cammann ein interessantes Beispiel aus der Geschichte, das die Rasanz der ostdeutschen Machtübernahme verdeutlichen soll. Über 50 Jahre habe es gedauert, bis 1762 endlich ein Schotte Premierminister des Vereinigten Königreichs von Großbritannien werden konnte.

Aber das war es auch schon mit meiner Zustimmung. Was mir an diesem Beitrag nicht schmeckt, ist eben die wackelige Überschrift, die wie ein Motto dem Beitrag seine Interpretationsrichtung vorgibt und am Schluss klar ausgesprochen wird:

Das Integrationsziel ist erreicht. Gauck und Merkel an der Spitze: auch das ein Ergebnis der Revolution von 1989, die Deutschlands Antlitz mehr verändert hat, als eingefleischte Bundesrepublikaner sich und anderen suggerieren wollten. Die Last der Verantwortung tragen jetzt aber auch wir Zonenkinder völlig gleichberechtigt und ohne Ausreden.

Was erlauben Strunz..? Im Subtext klingt das für mich irgendwie so: Haltet die Klappe, jetzt ist alles gut, wir sind alle gleich. Was ist das nur für ein Unsinn! Weil ein Pfarrer und eine Pfarrerstochter aus dem Osten die höchsten Staatsämter besetzen, ist die Integration vollzogen? Angela Merkel und Joachim Gauck gehören doch zu der Generation der Pastoren und Bürgerrechtler (»Man betrachte noch mal die Bilder von damals: Was für Bärte, Klamotten und Frisuren!«), die in der Umstellungsphase von 1989/90 Karriere gemacht hat und schon vor 20 Jahren in der Politik nach vorne gerutscht ist. Sie sind bereits seit langem Politprofis. Ich sehe jedoch keinen Nachwuchs aus dem ›integrierten‹ Osten, der in den Neunziger oder Nullerjahren in die bundesdeutsche Politik gerückt wäre. Cammann nennt viele Beispiele erfolgreicher Ossis, aber alle aus dem Bereich der Kunst. Geschenkt sei auch der Hinweis, dass nicht alle Ossis Joachim Gauck als Konsenspräsidenten haben wollen.

Wer kennt nicht das alte Lied: Solange die Löhne zwischen Ost und West nicht auf gleichem Niveau sind, solange junge Menschen aus dem Osten ihr Land verlassen müssen, um Arbeit und Lehrstellen im Westen zu finden, solange steht sie noch, die Mauer. Die Integration ist bei weitem noch nicht abgeschlossen und wird es vielleicht nie, warum auch? Warum sollen Unterschiede komplett verschwinden und alle Bewohner Deutschlands zu einem Einheitsbrei gerinnen? Hier mal mein Beispiel aus der Geschichte, gar nicht so weit weg. Weil die Preußen bei der Gründung des Deutschen Reichs 1871 die Bayern mit ins Boot holten und so von den liebgewonnenen katholischen Brüdern und Schwestern in Österreich trennten, blieben sie für die Bayern immer die ›Saupreußen‹, auf die man schimpfen darf. Auch sonst gibt es Vorbehalte und alte Rechnungen in der modernen Bundesrepublik, die sich mit Frotzeln und Witzeln den Weg an die Oberfläche suchen. Warum soll es neben Sachsen, Schwaben, Pommern, Hessen und so weiter nicht auch weiterhin eine ostdeutsche Identität geben? Zumal die ›Zonenkinder‹, also die in der DDR geborenen, eine ziemlich homogene Mythologie teilen. Es soll dabei nicht um ›Ostalgie‹ gehen, sondern um viel komplexere Dinge, bei denen die SED-Diktatur einen zugemauerten Hinterhof darstellt, in den trotzdessen die Sonne scheint und der darum ein eigenes Biotop hervorbrachte, das gar nicht so fremd sein muss.

Ein weiteres Beispiel: Beinahe jedes Kind aus dem Westen kennt Lyman Frank Baums Märchen »Der Zauberer von Oz«, die Kinder aus dem Osten kennen eher die Version »Der Zauberer der Smaragdenstadt« des russischen Schriftstellers Alexander Wolkow. Beiden Kindergruppen ist dasselbe Märchen vertraut, die Ossis verfügen sogar über eine um fünf Bände erweiterte Variante. Die Integration kann doch nicht dann als geglückt gelten, wenn alle Ostkinder nur noch »Den Zauderer von Oz« lesen. Mumpitz!

Unterschiede müssen nicht immer zum Nachteil gereichen, aber ein Nachteil ist der Unterschied bei den Vermögens- und Machtverhältnissen. Selbst dem Autor scheint seine These nicht ganz geheuer gewesen zu sein, denn mittendrin fallen auch ihm einige Ungerechtigkeiten ein, nur vernuschelt er sie und analysiert nicht weiter:

Gewiss: Solange die Vermögensverhältnisse so unterschiedlich bleiben, bleibt auch die Eroberung unvollständig. Auf absehbare Zeit sind weder östliche Chefredakteure nationaler Medien noch Bundesverfassungsgerichtspräsidenten oder Vorstandsvorsitzende von Dax-Unternehmen in Sicht.

Ja warum eigentlich?

Mein Resümee: Politisch und wirtschaftlich sind die Ostdeutschen noch lange nicht gleichberechtigt, oder korrekter (denn die Rechte sind ja für alle gleich): auf dem selben Niveau wie die Bewohner Westdeutschlands. Trotz Bundekanzlerin, trotz Konsenspräsident. Daran muss weiterhin gearbeitet werden. Kulturell und geografisch wird der Ossi noch lange weiterleben. Hoffentlich. Ein »Ende des Ossis« wäre eine kulturelle und sprachliche Verarmung Gesamtdeutschlands – und damit meine ich nicht den sächsischen Dialekt à la Wolfgang Stumpf, den ARD+ZDF den Ossis in ihren Produktionen gern verpassen. Überhaupt ist das Verschwinden von Identitäten ein Verlust von Reichtum.

Autor: Marcel Reich-Ranicki
Titel: Tante Christa, Mutter Wolfen. (Online)
Erschienen in:  DER SPIEGEL, 14/1994, S. 194-197
über: Christa Wolf, ihre Rolle in der DDR und Ostdeutschland und irgendwie auch über ihr Buch Auf dem Weg nach Tabou (Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1994)

Marcel Reich-Ranicki als Geistesgröße der alten und neuen Bundesrepublik zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. Als Doyen der Literaturkritik ist er nach wie vor jemand, der in jedem medialen Zusammenhang, in den er eintritt, sofort den Mittelpunkt markiert. Lange Zeit war er unangefochtener Patriarch des Geschmacksurteils. So streitbar und oft auch verletzend er dabei auftrat, so unzweifelhaft war seine Rolle als Meinungsführer, auch wenn seine fachlichen Urteile bei genauerer Betrachtung bisweilen von einer erschreckenden Indifferenz, starren Deutungsmustern und absoluten (Vor-)Urteilen geprägt waren (und sind). Und so viel er von der Literatur an sich verstand und versteht, so wenig lag ihm, wie man heute regelmäßig in der Rubrik Fragen Sie Reich-Ranicki der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht, an einem Blick, der seine Voranahmen ein wenig in Reflexion bringen konnte. Die Horizontlinien standen irgendwann fest und diese Mauer überlebte unter anderem auch das Jahr 1989.

Revolution

Und der Zukunft abgewandt? Für Marcel Reich-Ranicki war die Welt von Hammer, Zirkel und Ährenkranz bereits am 4.11.1989 irreparabel entzwei. Dass Christa Wolf noch etwas anderes im Blick hatte, konnte er ihr 1994 nicht nachsehen.

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♪♫ Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm‘! ♪♫♪
(Claire Waldoff-Astoria)

Bahnhof Frankfurt (Oder)

Zug um Zug aufs Abstellgleis: Roger Willemsen kam mit der Bahn nach Frankfurt (Oder)

Autor: Roger Willemsen
Titel: Deutschlandreise (S. 69–73)
Erschienen bei: Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
im Jahr: 2002
über: Frankfurt an der Oder

Zu Beginn eine Selbstoffenbarung. Roger Willemsen war mal so allgegenwärtig, dass man sich gezwungen sah, eine Meinung über ihn auszubilden. Willemsen polarisiert: entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Um meine Meinung über ihn etwas zu objektivieren, frage ich in meinem sozialen Umfeld, was haltet ihr von Roger Willemsen? Alles Roger? »Deutschlands Vorzeigeintellektueller.« – »War der nicht mal mit Guido Westerwelle zusammen?« – »Quatsch, mit Sandra Maischberger.« – »Belletristik ist nicht so seins, aber seine Rezensionen lese ich gern, die kann er gut.«

Hier eine Rezension von mir, allerdings bezogen auf einen kleinen Ausschnitt aus der Deutschlandreise, Willemsens Buchreport von 2002. Das ist schon ein Weilchen her, aber es soll in diesem Blog auch um die Kontinuität gehen, den Osten in ewig gleichen Stereotypen und Vorurteilen darzustellen. Der besagte Abschnitt behandelt Frankfurt (Oder), und er behandelt die Stadt schlecht. Nun ist die Deutschlandreise ein sehr subjektives Produkt, wie bereits der erste Satz klarmacht: »Ich sitze im Zug und fahre weit weg.«

Roger Willemsen bereiste das Land als beobachtender Dichter und unterlag somit keiner journalistischen Sorgfaltspflicht. Allerdings unterlag dafür die Poesie, denn was da so aus seiner Feder floss, war äußerst schwarze Tinte. Die Äcker im Osten sind Narben in der Landschaft, der Boden im Hinterland der alten DDR sieht »sauer und grämlich« aus, die Oder mit ihren toten Armen ist »braun und schmuddelig«, die Häuser »gehässig renovierte Kleinodien«. Elke Heidenreich, die das Buch aus Zeitgründen vermutlich nur rasch überflogen hat, jubelt auf der Rückseite:

Eine grandios erzählte Reise ins Innerste eines Landes, das unser Land ist, bereist von einem Autor, der Klischees nicht auf den Leim geht…

Der Autor, der in Talkshows durchaus eloquent und intelligent auftritt, geht nicht auf dem Leim, er klebt förmlich. Meistens kämpft er mit der Sprache, ziemlich oft verliert er. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, ein Schreibautomat, programmiert mit dem Vokabular der üblen Laune, habe den Text erscrabbelt. Zwischendrin schildert Willemsen einen Bordellbesuch, liest den Raubdruck eines obszönen Buches und erwähnt hie und da Worte wie »Sex«, »Porno« oder »Prostituierte«. Klar, der Leser soll bei der Stange (beim Stängel?) gehalten werden. Wer die Deutschlandreise liest, erfährt nichts über das Innerste von Deutschland, wohl aber einiges über das Innerste von Roger Willemsen (um 2002). Was hat nun der Dichter zur Stadt an der Oder zu sagen?

Frankfurt (Oder) ist da, eine dieser im Stich gelassenen Städte. Wenn nicht Manfred Wolke hier einen Boxstall unterhielte, wenn nicht der »SPIEGEL-TV«-Exportschlager »Grenzprostitution« dem Ort das Verruchte verliehe, was wäre Frankfurt (Oder)? Eine Stadt, über der die Dunstglocke des Asozialen hinge, der Geruch der Kleinbürger, ein Mahnmal für die »Verlierer der Einheit«.

Das gleich als Einstieg. Okay, der Mann ist in der (ehemaligen) Bundeshauptstadt Bonn zur Welt gekommen und hat in Florenz, München und Wien studiert. Frankfurt beleidigt da einfach nur das ästhetische Empfinden des Welterfahrenen. Es begrüßen ihn Kioskkultur, Dosenbier, Jogginganzüge und »George Grosz’sche Kleinbürger-Karikaturen« (selber!). Viel lieber hätte er mit Sophie Marceau auf dem Sofa gesessen und der Jazzmusike, die Herbie Hancock und Michel Petrucciani für ihn im Hintergrund spielen, gelauscht. Verständlich. Wie geht es weiter? Der Dichter wird dreist und schimpft über Kleist:

Muss man tot und bedeutend sein, um in Frankfurt/Oder so gut zu wohnen? Was dieser Kleist die Stadt gekostet hat, und zum Dank beherbergt er Ausländer und kriegt auch noch ein Denkmal. Oder eher einen Sarkophag samt einem lyrisch hingestreckten Bekränzten mit Leier ohne Saiten.

Was folgt, ist Genörgel und Geschwafel. Grundtenor: Alles schlecht. Angesichts dreier Angler am Oderufer stellt er sich und uns die nächstliegende Frage:

Wer wäre noch erstaunt, Menschen hier zu finden, die mit Handkantenschlägen Kaninchen schlachten?

Aha. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Roger Willemsen nicht nur Frankfurt (Oder) bzw. Ostdeutschland wenig ansprechend fand, sondern dass diese Sprache der rote Faden auf der ganzen Deutschlandreise ist/war. Mit so einem Griesgram möchte man keine drei Tage Urlaub machen, mit Ausnahme er bezahlt! Vom protestantischen Meer zu den katholischen Bergen – ganz Deutschland ist bei Willemsen ein düsteres Drecknest! Vielleicht lag’s am Reisemonat, vielleicht an mangelnder Triebabfuhr (das Sex-Thema zieht sich so durchs Buch), vielleicht ist der Text auch eine Anspielung oder gar Parodie auf etwas von Heine oder Brecht oder Ironie? Das habe ich mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.

Als Fremder sucht man immerzu das Eigentliche, irgendetwas, was hinter allem ist, das Wesentliche, aber man kommt nur durch Fassaden und Tapetentüren.

Darauf möchte ich nur mit einem Zitat antworten: Niemand ist so blind, wie einer, der nicht sehen will. Guten Abend!

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