You are currently browsing the category archive for the ‘Wirtschaftliche Entwicklung’ category.

Nicht immer wird die Klischee-Kiste zu Ostdeutschland mit großem Bohei und als Leitartikel aufgestoßen. Manchmal schleicht sie sich auch als kleine Spitze in den Einstieg eines solchen. Den jeweiligen JournalistInnen ist gar nicht viel vorzuwerfen, außer vielleicht, dass sie der Dramaturgie und Zuspitzung wegen ein staubiges Vorurteil in der Welt halten.

Der gebürtigen Münchnerin (im Fall dieses Weblogs sind solche Details nicht unerheblich, denn eine gebürtige Wriezenerin hätte möglicherweise andere erste Zeilen gefunden) Christiane Schlötzer von der Süddeutschen Zeitung eröffnet ihr Seite Drei-Porträt des gebürtigen Sulzers, späteren CDU-Politikers und aktuellen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtels mit einer bemerkenswerten Erinnerung an die Zeit, als man Ost und West noch in Schwarz und Weiß wahrnahm. Hans-Joachim Fuchtel operiert derzeit im besonderen Auftrag in Griechenland, nachdem er dereinst Brandenburg in Schwung brachte. Und entsprechend setzt man in den „Merkels Geheimwaffe“ betitelten Text mit einer bestechend finsteren Erinnerung ein:

„Der Mann hat eine Ringkämpfer-Statur, weshalb man ihm so viel Empfindlichkeit erst einmal gar nicht zutraut. Angela Merkels Spezialagent für das Atmosphärische hält die Nase in den Nachtwind und schnuppert Vertrautes. „Frankfurt Oder“, sagt Hans-Joachim Fuchtel. „Braunkohle“. Ein stechender Geruch liegt in der schwülen Luft. Die Erinnerung trägt den schweren Mann fort. Damals, sagt Fuchtel, als fast der ganze deutsche Osten noch ein Sanierungsfall war, habe er sich einen Tropfen Heilpflanzenöl aufs Oberlippenbärtchen geträufelt, wenn er im märkischen Kohlerevier unterwegs war. Dann war der böse Gestank weg.“ (Christiane Schlötzer: Merkels Geheimwaffe. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 162, 16.Juli 2012, S.3)

Freilich muss der Vorwurf an Christiane Schlötzer weniger sein, dass sie Despektierliches über Ostdeutschland präsentiert, sondern dass sie mit ihrer kleinen bissigen Bloßstellung den Mann der „weiß, was Spott ist“ (so die alberne Unterschrift zum nicht unbedingt perfekten Foto des Politikers, der in wirklich keiner Hinsicht an einen Ringkämpfer gemahnt) wie einen schlachtreifen Bullen in die Stierkampfarena führt. Die ölige Überheblichkeit hinter der Anekdote macht den Sanierungshandlungsreisenden („Net schwätze, schaffe.“) in einer Weise zum unsympathischsten Politiker des Tages, dass er einem schon beinah wieder leid tut, mit seiner übersensiblen Nase, die offensichtlich nur sauberste Schwarzwälder Morgenluft zu wittern gewohnt war, und seiner barthaarigen Fehleinschätzung, Frankfurt/Oder gehörte zum Kohlerevier der Mark.

Viel Kohle ist dort trotz aller Erschließungs- und Sanierungsanstrengungen bis heute kaum zu holen. Wenn man nun im Nachhinein dank Süddeutscher Zeitung erfährt, wer unter anderem zum Aufbaukampf in den Gestank des deutschen Ostens geschickt wurde, staunt man ein bisschen weniger darüber, dass die Transformation der sozialistischen Bezirksstadt zu einer Universitätsmetropole im Spätkapitalismus nicht in jeder Hinsicht perfekt verlief. Oder aber, dass sie überhaupt soweit gelang.

Frankfurt/Oder ist heute eine sympathische kleine Stadt mit sauberen Straßen, herzlichem Kleist-Gedenken, einer frischen Brise überm Grenzfluss und einigen äußerst klugen Köpfen in der Viadrina und damit gar nicht so schlecht aufgestellt. Wirtschaftlich hebt die Region allerdings nach wie vor eher nicht ab. Dennoch wünscht sich natürlich niemand irgendeine alte Zeit zurück. Und die Tage, in denen Sulzer japanische Heilöltröpfler auszogen, um statt zu schwätze zu schaffe und also mit Tat und Rat den Westen im Osten zu entfalten, zählen unbedingt dazu.

♪♫ Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm‘! ♪♫♪
(Claire Waldoff-Astoria)

Bahnhof Frankfurt (Oder)

Zug um Zug aufs Abstellgleis: Roger Willemsen kam mit der Bahn nach Frankfurt (Oder)

Autor: Roger Willemsen
Titel: Deutschlandreise (S. 69–73)
Erschienen bei: Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
im Jahr: 2002
über: Frankfurt an der Oder

Zu Beginn eine Selbstoffenbarung. Roger Willemsen war mal so allgegenwärtig, dass man sich gezwungen sah, eine Meinung über ihn auszubilden. Willemsen polarisiert: entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Um meine Meinung über ihn etwas zu objektivieren, frage ich in meinem sozialen Umfeld, was haltet ihr von Roger Willemsen? Alles Roger? »Deutschlands Vorzeigeintellektueller.« – »War der nicht mal mit Guido Westerwelle zusammen?« – »Quatsch, mit Sandra Maischberger.« – »Belletristik ist nicht so seins, aber seine Rezensionen lese ich gern, die kann er gut.«

Hier eine Rezension von mir, allerdings bezogen auf einen kleinen Ausschnitt aus der Deutschlandreise, Willemsens Buchreport von 2002. Das ist schon ein Weilchen her, aber es soll in diesem Blog auch um die Kontinuität gehen, den Osten in ewig gleichen Stereotypen und Vorurteilen darzustellen. Der besagte Abschnitt behandelt Frankfurt (Oder), und er behandelt die Stadt schlecht. Nun ist die Deutschlandreise ein sehr subjektives Produkt, wie bereits der erste Satz klarmacht: »Ich sitze im Zug und fahre weit weg.«

Roger Willemsen bereiste das Land als beobachtender Dichter und unterlag somit keiner journalistischen Sorgfaltspflicht. Allerdings unterlag dafür die Poesie, denn was da so aus seiner Feder floss, war äußerst schwarze Tinte. Die Äcker im Osten sind Narben in der Landschaft, der Boden im Hinterland der alten DDR sieht »sauer und grämlich« aus, die Oder mit ihren toten Armen ist »braun und schmuddelig«, die Häuser »gehässig renovierte Kleinodien«. Elke Heidenreich, die das Buch aus Zeitgründen vermutlich nur rasch überflogen hat, jubelt auf der Rückseite:

Eine grandios erzählte Reise ins Innerste eines Landes, das unser Land ist, bereist von einem Autor, der Klischees nicht auf den Leim geht…

Der Autor, der in Talkshows durchaus eloquent und intelligent auftritt, geht nicht auf dem Leim, er klebt förmlich. Meistens kämpft er mit der Sprache, ziemlich oft verliert er. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, ein Schreibautomat, programmiert mit dem Vokabular der üblen Laune, habe den Text erscrabbelt. Zwischendrin schildert Willemsen einen Bordellbesuch, liest den Raubdruck eines obszönen Buches und erwähnt hie und da Worte wie »Sex«, »Porno« oder »Prostituierte«. Klar, der Leser soll bei der Stange (beim Stängel?) gehalten werden. Wer die Deutschlandreise liest, erfährt nichts über das Innerste von Deutschland, wohl aber einiges über das Innerste von Roger Willemsen (um 2002). Was hat nun der Dichter zur Stadt an der Oder zu sagen?

Frankfurt (Oder) ist da, eine dieser im Stich gelassenen Städte. Wenn nicht Manfred Wolke hier einen Boxstall unterhielte, wenn nicht der »SPIEGEL-TV«-Exportschlager »Grenzprostitution« dem Ort das Verruchte verliehe, was wäre Frankfurt (Oder)? Eine Stadt, über der die Dunstglocke des Asozialen hinge, der Geruch der Kleinbürger, ein Mahnmal für die »Verlierer der Einheit«.

Das gleich als Einstieg. Okay, der Mann ist in der (ehemaligen) Bundeshauptstadt Bonn zur Welt gekommen und hat in Florenz, München und Wien studiert. Frankfurt beleidigt da einfach nur das ästhetische Empfinden des Welterfahrenen. Es begrüßen ihn Kioskkultur, Dosenbier, Jogginganzüge und »George Grosz’sche Kleinbürger-Karikaturen« (selber!). Viel lieber hätte er mit Sophie Marceau auf dem Sofa gesessen und der Jazzmusike, die Herbie Hancock und Michel Petrucciani für ihn im Hintergrund spielen, gelauscht. Verständlich. Wie geht es weiter? Der Dichter wird dreist und schimpft über Kleist:

Muss man tot und bedeutend sein, um in Frankfurt/Oder so gut zu wohnen? Was dieser Kleist die Stadt gekostet hat, und zum Dank beherbergt er Ausländer und kriegt auch noch ein Denkmal. Oder eher einen Sarkophag samt einem lyrisch hingestreckten Bekränzten mit Leier ohne Saiten.

Was folgt, ist Genörgel und Geschwafel. Grundtenor: Alles schlecht. Angesichts dreier Angler am Oderufer stellt er sich und uns die nächstliegende Frage:

Wer wäre noch erstaunt, Menschen hier zu finden, die mit Handkantenschlägen Kaninchen schlachten?

Aha. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Roger Willemsen nicht nur Frankfurt (Oder) bzw. Ostdeutschland wenig ansprechend fand, sondern dass diese Sprache der rote Faden auf der ganzen Deutschlandreise ist/war. Mit so einem Griesgram möchte man keine drei Tage Urlaub machen, mit Ausnahme er bezahlt! Vom protestantischen Meer zu den katholischen Bergen – ganz Deutschland ist bei Willemsen ein düsteres Drecknest! Vielleicht lag’s am Reisemonat, vielleicht an mangelnder Triebabfuhr (das Sex-Thema zieht sich so durchs Buch), vielleicht ist der Text auch eine Anspielung oder gar Parodie auf etwas von Heine oder Brecht oder Ironie? Das habe ich mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.

Als Fremder sucht man immerzu das Eigentliche, irgendetwas, was hinter allem ist, das Wesentliche, aber man kommt nur durch Fassaden und Tapetentüren.

Darauf möchte ich nur mit einem Zitat antworten: Niemand ist so blind, wie einer, der nicht sehen will. Guten Abend!

»In Anklam, dieser – so konnte man vielleicht sagen – kaputtesten, fertigsten, unseligsten Stadt Deutschlands.«
(Moritz von Uslar)

HO Anklam

Mangels eines geeigneten Motivs verbrate ich hier mein einziges Foto von und aus Anklam.

Autor: Moritz von Uslar
Titel: Freitagnacht in Anklam
Erschienen in: ZEIT ONLINE (www.zeit.de)
am: 10. Mai 2010
über: Anklam in Vorpommern

Chemnitz war noch Spaß, jetzt wird es langsam ernster. Im Frühjahr 2010 startete Moritz von Uslar seine Reihe »Nachtleben an den aufregendsten Orten der Welt« und machte den Auftakt in der 13.000 Seelen beherbergenden Gemeinde Anklam. Irgendwie scheint zwischen Anspruch und Wirklichkeit bereits in der Aufgabenstellung eine ziemliche Diskrepanz zu klaffen. Wer ist nun dieser Moritz von Uslar? DIE ZEIT stellt ihren Reporter in folgenden Worten vor:

Autor Moritz von Uslar hat seinen ersten Auftritt. Für seine Reihe »Freitagnacht« wird er Menschen an unterschiedlichen Orten beim Feiern beobachten. Diesmal war er in Anklam in Vorpommern. Uslar, 39, zuvor beim »Spiegel«, wurde bekannt durch die Serie »100 Fragen an…« im »SZ-Magazin«. Im Herbst erscheint sein Buch »Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung«.

Ach so. Uslar ist einer dieser Ethnologen, die die mitteleuropäische Bevölkerung einer näheren Betrachtung unterziehen, mit den Eingeborenen leben und diese anschließend quasi von innen heraus beschreiben. Ein befreundeter Buchhändler in Berlin-Mitte verriet mir, das inzwischen erschienene Buch Deutschboden sei sehr unterhaltsam, lesenswert und verkaufe sich ganz gut. Aus der Wikipedia erfahre ich, dass Moritz eigentlich Hans Moritz Walther Freiherr von Uslar-Gleichen heißt. Seine flotte Schreibe – wie meine Oma sagen würde – lernte der geborene Kölner bei der seligen Zeitschrift Tempo sowie der Süddeutschen Zeitung und dem SPIEGEL. Auf den Fotos, die das Netz anbietet, wirkt er wie ein junggebliebener Libertin. Ist der Freiherr ein Freidenker?

Zurück zum Thema. Die Reportage-Reihe »Nachtleben« führte unseren Moritz über Längen- und Breitengrade. Auf Anklam folgte das Maxim’s in Paris, dann die Odenwaldschule, der Schlafwagen nach Zürich, das Dörfchen Guttenberg in Oberfranken, die Borussia Dortmund und Kairo in Ägypten – eine wilde Mischung! Doch warum ausgerechnet Anklam als Auftakt? Da kann doch nur die reine Schalkhaftigkeit des Wahl-Berliners durchgekommen sein! Billige Gags, dankbare Klischees und gängige Vorurteile sind so bereits vorprogrammiert.

Es zeichnete sich einer dieser grandios aufgeregten Berliner Abende ab (an der Friedrichstraße sollte die King Size Bar eröffnen, gegen Mitternacht würden die Gäste des Deutschen Filmpreises den Friedrichstadtpalast verlassen und wieder nicht wissen, wo sie weiterfeiern sollten, was immer für lustige Szenen sorgte) – als ich, gegen Mittag, den Entschluss fasste, diese Freitagnacht nicht in Berlin, sondern ganz woanders zu verbringen: in Anklam. In dieser – so konnte man vielleicht sagen – kaputtesten, fertigsten, unseligsten Stadt Deutschlands.

Wie die Einleitung verrät, wäre der Reporter an jedem Abend lieber in Berlin geblieben (miserable Ausgangsbedingung); und wie der Schluss verrät, wird er dort auch bald wieder landen. Nix von wegen teilnehmender Beobachter! Der Reporter, der sich auf die Suche nach der verlorenen Eastside macht, hat bereits nach wenigen Stunden die Hosen gestrichen voll. Er bekam Angst vor den Schattenwesen, die er selbst erschuf. Wieder daheim, im sicheren Berlin, erhebt sich von Uslar über seine Angst und beleidigt die Anklamer via Tastatur:

Ich, Reporter, wollte ja nicht viel – nur ankommen und die Leute, die da eventuell herumstanden, fragen, ob man hier noch irgendwo ein Bier trinken konnte. Meine Frage war: Was treibt ihr, Anklamer, wenn ihr, gegen alle Wahrscheinlichkeit, doch einmal gute Laune habt?

Lieber Moritz von Uslar! Als Hunter S. Thompson, der Erfinder des Gonzo-Journalismus, bei den Hell’s Angels an der amerikanischen Westküste recherchierte, lebte er immerhin ein Weilchen mit und bei den Acid-Rockern, bevor er dann allerdings wirklich übel zusammengeschlagen wurde. Das soll dir (ich bevorzuge das Du) natürlich nicht passieren! Aber wie kannst du dann so tun, als würdest du dich mutig unters Volk mischen, indem du den ausgelatschten Pfad des ostdeutschen Rechtsradikalismus betrittst, nur um mittendrin die Beobachtung abzubrechen, weil in dem von dir selbst ausgesuchten Rockerklub tätowierte Glatzen sitzen? Und soll der Leser aus deinen Worten schließen, dass man Anklam unbedingt umfahren sollte, weil die Stadt vollständig darnieder liegt und des Nachts von blutsaugenden Nazibanden durchkämmt wird, die sich vorher in einer Bierbar a la Clockwork Orange Mut ansaufen? (Zitat: »Wer Western und die Filme von Quentin Tarantino mochte, der konnte dieses Lokal nicht schlecht finden.«)

Ich würde sagen, Moritz von Uslar ist nie wirklich in Anklam angekommen. Uslar fremdelte gleich bei der Ankunft, huschte schnell mal durch die Straßen der Kleinstadt und spulte alle Vorurteile ab, die er sich zuvor schnell angelesen hatte und natürlich vor Ort bestätigt findet. Zum Vergleich könnte ich nun auch nach Köln fahren, das dortige Großbordell besuchen und anschließend schreiben: »Die Stadt riecht nach Schweiß, Sperma und Desinfektionsmitteln. In Köln bekommt nur Liebe, wer sie sich leisten kann.« Ha. Ha. Genauso gut könnte ich von Mallorca behaupten: »Die Insel besteht nur aus Ballermann 6, Sangría-Orgien und Ficken am Strand.« Beschreibt das die Insel? Nein.

Natürlich sollte man alles nicht so eng sehen, nicht so gemeint, mal über sich selbst lachen, der Uslar ist schließlich auch ein großer Freund der Ironie, et cetera bla bla. Allerdings ist schon auffällig, dass die nachfolgend besuchten Orte wie die Odenwaldschule oder das kleine Dörfchen Guttenberg vergleichsweise Milde davonkommen. Warum werden Ostdeutsche, denen man grundsätzlich Rassismus, Alkoholismus und Faschismus vorwirft, wieder einmal mit Vorurteilen beschrieben, die selbst rassistisch sind? Egal, schwamm drüber! Uslars Texte sollte man nicht auf die Goldwaage legen, denn dafür sind sie zu leicht. Ihm geht es vorrangig um den subjektiven Eindruck des Reporters, der dem Leser auf saloppe Weise verschiedene Orte des Planeten nahebringen soll – Unterhaltung eben, zurücklehnen. Erfreuen wir uns zum Ausgleich mal an dieser schönen Zeile:

Als sich der Reporter aus dem Saal schlich, sang der Schlagersänger gerade: »Vielleicht gestehe ich dir heute alle meine Liebeslieder.«

Auch wenn Ironie und Zynismus zwei verschiedene Paar Schuhe sind – bleiben wir großzügig! Es kann viel schlimmer kommen, warten wir es ab. Absolut empfehlenswert sind auch bei diesem Artikel die Kommentare. Da wurden Aussagen getriggert, die man in dieser Vielfalt sonst nie bekommen hätte. Vielleicht war es das, was die ZEIT-Redakteure wollten: Die Anklamer sollten endlich enger zusammenrücken! Anfangen möchte ich mit dem ortsansässigen Verein Initiativen für Anklam (IfA), der umgehend eine Eingabe an den Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, aufsetzte:

Sehr geehrter Herr di Lorenzo, wir, die IfA fühlen uns veranlasst, zum o.g. Artikel des Autors Moritz von Uslar Stellung zu nehmen. Natürlich liegt es uns fern, in Ihre journalistische Freiheit einzugreifen, wir möchten aber doch mit unseren Gedanken dazu nicht hinter dem Berg halten, denn wir sind auch der Meinung, dass ein Autor in einem geschätzten und meinungsbildenden Blatt wie der ZEIT nicht frei von Verantwortung ist. Verantwortung den Menschen gegenüber, über die er schreibt und die durch diesen Artikel wieder einmal in die negativen Schlagzeilen geraten sind. Es ist ein bisschen wie noch mal draufzuhauen, wenn jemand schon am Boden liegt. Hat DIE ZEIT das nötig? Wir sind ständig mit großem Engagement und persönlichem Einsatz darum bemüht, das Blatt endlich zum Besseren zu wenden, stoßen an Grenzen, kämpfen weiter und freuen uns über erste Erfolge, die bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dass das in einer Stippvisite von außen nicht gleich wahrgenommen wird, ist verständlich. Allerdings ist es verdammt schwer, mit solch einem Negativimage, was Anklam nicht zuletzt aufgrund verschiedener Presseveröffentlichungen anhängt, jemals wieder positiv wahrgenommen zu werden.
Freilich ist es einfach, in Anklam alle Klischees über eine Stadt im äußersten Nordosten Deutschlands bestätigt zu bekommen, die der Autor ganz offensichtlich mitgebracht hat.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es ihm gerade darauf ankam. Zur bildhaften Darstellung des Verfalls in Anklam wird ein Archivfoto veröffentlicht, welches mindestens 5 Jahre alt ist. In dem gezeigten Haus befindet sich seit 2005 das erfolgreich geführte Einzelhandelsgeschäft „Mode am Markt“.

Der Kommentator Klein-Otti gibt sich als Insider zu erkennen und widerspricht Uslars Eindruck von der beschriebenen Bierkneipe:

in der genannten kneipe treffen jung und alt,linke,rechte, einwanderer aufeinander und in den 20-30 besuchen von mir hat niemand randaliert.

Der Kommentar von nordost2 enthält sogar einen gutgemeinten Ratschlag:

Ach Herr von Uslar, das ist langweilig. Derlei Artikel über Ostdeutsche Kleinstädte stapeln sich doch schon im Zeit-Archiv. Da hätten Sie auch nach Bernau oder Eberswalde fahren können und wären sicher noch rechtzeitig zu einer angesagten Party in Berlin zurückgewesen.

ReVaan kommentiert aus der Sicht des Exil-Anklamers:

Das der Ort und die Situation für jemand Außenstehenden trostlos, verwahrlost und sinnbildlich für die „Ach so verkommene Gegend Nordostdeutschland“ sein muss, kann ich akzeptieren und sogar verstehen. Die Situation mit den Rechtsradikalen nimmt langsam überhand und auch so kann man der immer schlimmer werdenden Notlage förmlich zusehen. Menschen verlieren ihre Arbeit, Läden schließen und das Äußerliche der Stadt wird immer schäbiger. Und trotzdem muss ich sagen, dass ich immer wieder gerne hinfahre (fast jedes Wochenende). Man hat dort seine Freunde, seine Familie. Es macht Spaß mit diesen dort etwas zu unternehmen auch wenn man nur begrenzte Möglichkeiten hat. Schade dass der Reporter sich fast nur Orte gesucht hat, die zwar zutreffend beschrieben sind, aber meines Erachtens nicht für Anklam als Ganzes gelten.

Wer noch etwas mehr Zeit in ZEIT online investieren möchte, dem sei der Kommentar-Mehrteiler von Johannah Rapunzel ans Herz gelegt. Sie antwortet sehr detailliert und wegen des Zeichenlimits der Kommentarfunktion in insgesamt zehn Teilen.

Autor: Roland Mischke
Titel: Warum Tom Hanks sich in Eisenhüttenstadt verliebt hat
Erschienen in: Augsburger Allgemeine (www.augsburger-allgemeine.de) (u.a.)
am: 13.01.2012
über: Eisenhüttenstadt

Man gönnt Eisenhüttenstadt den Wirbel von Herzen, den der Kurzbesuch des Schauspielers Tom Hanks Anfang Dezember letzten Jahres auslöste und der durch die dazugehörige launige Plauderei wenig später in der David-Letterman-Show noch verstärkt wurde.  Dass dieses Ereignis jedoch überhaupt derart einschlägt, erklärt sich nicht zuletzt aus der Fallhöhe von der Zentralfigur dieser Geschichte – des Weltstars aus Hollywood – und dem Handlungsort: eine mit allerlei Stereotypen stigmatisierte Stadt am östlichen Rand der Bundesrepublik. Glamour und Showkultur verbindet man mit solchen Orten eher genausowenig, wie das wirkliche Interesse an der DDR-Geschichte bei solch einer Celebrity.

Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt / III. WK im April 2011 (Foto: privat)

Der heute in verschiedenen Regionalzeitungen erschienene Bericht Roland Mischkes setzt auf diese Pointe. Naturgemäß greift er dabei auf die passenden Stereotypen zurück. Bereits in der Überschrift wird Eisenhüttenstadt ohne weiteren Anlass auf das Attribut  „SED-Ort“ reduziert. Dieses Thema wird im ersten Satz aufgegriffen:

„Stalinstadt“ sagte er lieber nicht vor den Kameras.““

Was schlicht falsch ist. Tom Hanks sagte während der Präsentation der ersten Fotografie in der Sendung: „Back in the days when it was still called Stalinstadt – no lie! …“ und trifft dabei die historische Einordnung noch sensibler als die SED-Attributierung bei Roland Mischke. Sein Text ist ansonsten vergleichsweise zahm, versucht sich punktuell in Ironie:

„die 34000-Einwohner-Kommune Eisenhüttenstadt freien Lauf, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Stalinstadt ihre Karriere als Modell für den unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus begonnen hatte.“

und weiß ansonsten genau, wie die Botschaft auszusehen hat:

„Heute ist der Industriestandort – wie viele andere in den neuen Bundesländern – marode. Einwohner verlierend, leidet er mehr an seiner Vergangenheit, als dass er von ihr profitiert.“

Faktisch ist hier wenig einzuwenden, obschon die teilweise beinah übersanierten Innenstadtbereiche ein anderes Bild vermitteln. Die Stadt hat es schwer und dies besonders aufgrund ihrer Grundanlage als sozialistische Planstadt. Das betrifft sowohl Stadtraum als auch Mentalität. Das Wort „marode“ impliziert jedoch Hoffnungslosigkeit und einen unumkehrbaren Zustand.

Unter anderem nach der Ansiedlung einer zwar nicht arbeitsplatzintensiven aber durchaus bemerkenswert großen Wellpapierfabrik lässt sich die Entwicklung so zunächst einmal nicht in Übereinstimmung mit der Bedeutung des Worts „marode“ setzen. Die Zuspitzung ist jedoch für die Dramaturgie des Artikels notwendig, denn Roland Mischke berichtet gegen Ende des Textes:

„Hanks betonte bei David Letterman, er habe sich vor allem für die Architektur interessiert und das Leben der Menschen in einer Stadt, die im Sozialismus groß herauskommen sollte. Dass sie nun dahinsiecht, er aber in der relativen Perspektivlosigkeit für einen Adrenalinschub sorgen konnte, nimmt er froh und gelassen hin.“

„[G]roß herauskommen“ erscheint hier ebenfalls als semantische Beugung des Planstadtsgedanken und vernachlässigt, dass sowohl die Stadt ihren Popularitätshöhepunkt schon überschritten hatte, als sie 1961 zu Eisenhüttenstadt wurde. Sie kam bereits im frühen DDR-Sozialismus groß heraus und war natürlich auch in der Folge stabiler Bestandteil des Aufbau-Narrativs der Deutschen Demokratischen Republik.

Wichtig für die Vorstellungswelt des Artikels ist der Eindruck, dass die Stadt ein Star werden sollte. Denn damit wird die Analogie zu Tom Hanks aufgebaut, der einen solchen Status repräsentiert. Während Tom Hanks erfolgreich ist, ist Eisenhüttenstadt gescheitert und im Siechtum. Die spannende Frage im Subtext des Artikels baut auf dieser Diskrepanz:  Er ist ein Star – holt er sie raus?

Natürlich nicht. Aber, so die Rolle von Tom Hanks laut der Interpretation Roland Mischkes, er sorgt für Aufregung, belebt also die Stadt im Niedergang, wenn auch mehr für den Moment, wieder. Und ganz souverän, „froh und gelassen“ steht der sympathische Schauspieler über den Dingen.

„Das Studiopublikum applaudierte.“

Positivtwitter