You are currently browsing the category archive for the ‘1990er’ category.

Nicht immer wird die Klischee-Kiste zu Ostdeutschland mit großem Bohei und als Leitartikel aufgestoßen. Manchmal schleicht sie sich auch als kleine Spitze in den Einstieg eines solchen. Den jeweiligen JournalistInnen ist gar nicht viel vorzuwerfen, außer vielleicht, dass sie der Dramaturgie und Zuspitzung wegen ein staubiges Vorurteil in der Welt halten.

Der gebürtigen Münchnerin (im Fall dieses Weblogs sind solche Details nicht unerheblich, denn eine gebürtige Wriezenerin hätte möglicherweise andere erste Zeilen gefunden) Christiane Schlötzer von der Süddeutschen Zeitung eröffnet ihr Seite Drei-Porträt des gebürtigen Sulzers, späteren CDU-Politikers und aktuellen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtels mit einer bemerkenswerten Erinnerung an die Zeit, als man Ost und West noch in Schwarz und Weiß wahrnahm. Hans-Joachim Fuchtel operiert derzeit im besonderen Auftrag in Griechenland, nachdem er dereinst Brandenburg in Schwung brachte. Und entsprechend setzt man in den „Merkels Geheimwaffe“ betitelten Text mit einer bestechend finsteren Erinnerung ein:

„Der Mann hat eine Ringkämpfer-Statur, weshalb man ihm so viel Empfindlichkeit erst einmal gar nicht zutraut. Angela Merkels Spezialagent für das Atmosphärische hält die Nase in den Nachtwind und schnuppert Vertrautes. „Frankfurt Oder“, sagt Hans-Joachim Fuchtel. „Braunkohle“. Ein stechender Geruch liegt in der schwülen Luft. Die Erinnerung trägt den schweren Mann fort. Damals, sagt Fuchtel, als fast der ganze deutsche Osten noch ein Sanierungsfall war, habe er sich einen Tropfen Heilpflanzenöl aufs Oberlippenbärtchen geträufelt, wenn er im märkischen Kohlerevier unterwegs war. Dann war der böse Gestank weg.“ (Christiane Schlötzer: Merkels Geheimwaffe. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 162, 16.Juli 2012, S.3)

Freilich muss der Vorwurf an Christiane Schlötzer weniger sein, dass sie Despektierliches über Ostdeutschland präsentiert, sondern dass sie mit ihrer kleinen bissigen Bloßstellung den Mann der „weiß, was Spott ist“ (so die alberne Unterschrift zum nicht unbedingt perfekten Foto des Politikers, der in wirklich keiner Hinsicht an einen Ringkämpfer gemahnt) wie einen schlachtreifen Bullen in die Stierkampfarena führt. Die ölige Überheblichkeit hinter der Anekdote macht den Sanierungshandlungsreisenden („Net schwätze, schaffe.“) in einer Weise zum unsympathischsten Politiker des Tages, dass er einem schon beinah wieder leid tut, mit seiner übersensiblen Nase, die offensichtlich nur sauberste Schwarzwälder Morgenluft zu wittern gewohnt war, und seiner barthaarigen Fehleinschätzung, Frankfurt/Oder gehörte zum Kohlerevier der Mark.

Viel Kohle ist dort trotz aller Erschließungs- und Sanierungsanstrengungen bis heute kaum zu holen. Wenn man nun im Nachhinein dank Süddeutscher Zeitung erfährt, wer unter anderem zum Aufbaukampf in den Gestank des deutschen Ostens geschickt wurde, staunt man ein bisschen weniger darüber, dass die Transformation der sozialistischen Bezirksstadt zu einer Universitätsmetropole im Spätkapitalismus nicht in jeder Hinsicht perfekt verlief. Oder aber, dass sie überhaupt soweit gelang.

Frankfurt/Oder ist heute eine sympathische kleine Stadt mit sauberen Straßen, herzlichem Kleist-Gedenken, einer frischen Brise überm Grenzfluss und einigen äußerst klugen Köpfen in der Viadrina und damit gar nicht so schlecht aufgestellt. Wirtschaftlich hebt die Region allerdings nach wie vor eher nicht ab. Dennoch wünscht sich natürlich niemand irgendeine alte Zeit zurück. Und die Tage, in denen Sulzer japanische Heilöltröpfler auszogen, um statt zu schwätze zu schaffe und also mit Tat und Rat den Westen im Osten zu entfalten, zählen unbedingt dazu.

Autor: Marcel Reich-Ranicki
Titel: Tante Christa, Mutter Wolfen. (Online)
Erschienen in:  DER SPIEGEL, 14/1994, S. 194-197
über: Christa Wolf, ihre Rolle in der DDR und Ostdeutschland und irgendwie auch über ihr Buch Auf dem Weg nach Tabou (Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1994)

Marcel Reich-Ranicki als Geistesgröße der alten und neuen Bundesrepublik zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. Als Doyen der Literaturkritik ist er nach wie vor jemand, der in jedem medialen Zusammenhang, in den er eintritt, sofort den Mittelpunkt markiert. Lange Zeit war er unangefochtener Patriarch des Geschmacksurteils. So streitbar und oft auch verletzend er dabei auftrat, so unzweifelhaft war seine Rolle als Meinungsführer, auch wenn seine fachlichen Urteile bei genauerer Betrachtung bisweilen von einer erschreckenden Indifferenz, starren Deutungsmustern und absoluten (Vor-)Urteilen geprägt waren (und sind). Und so viel er von der Literatur an sich verstand und versteht, so wenig lag ihm, wie man heute regelmäßig in der Rubrik Fragen Sie Reich-Ranicki der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht, an einem Blick, der seine Voranahmen ein wenig in Reflexion bringen konnte. Die Horizontlinien standen irgendwann fest und diese Mauer überlebte unter anderem auch das Jahr 1989.

Revolution

Und der Zukunft abgewandt? Für Marcel Reich-Ranicki war die Welt von Hammer, Zirkel und Ährenkranz bereits am 4.11.1989 irreparabel entzwei. Dass Christa Wolf noch etwas anderes im Blick hatte, konnte er ihr 1994 nicht nachsehen.

Den Rest des Beitrags lesen »

Autor: Jens Bisky
Titel: „Meine Nazis“, „Deine Nazis“ – ein müßiges Spiel. Wie braun ist der Osten? Eine Debatte, die nicht vorankommen will. (Online)
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 01.02.2012, S. 11
über: die Debatte zu den Wurzeln des ostdeutschen Rechtsradikalismus

I

Irgendwann in den 1980er Jahren liefen nach Schulschluss drei Fünftklässler  in der sozialistischen Vorzeigestadt Eisenhüttenstadt von der POS V „Juri Gagarin“ durch den V. Wohnkomplex heim und unterhielten sich über die richtige Handhaltung beim „deutschen Gruß“. Sie waren bepackt mit Ranzen und Turnbeutel und stritten sich ein bisschen darüber, ob die Hand dazu über die Schulter nach hinten gebogen zu halten sei, wie einer es in einem Film gesehen haben wollte. Oder ob der rechte Arm kerzengerade schräg nach oben wegzustrecken sei, wie man es auf Fotografien aus einem Geschichtsbuch kannte. Zur Verdeutlichung blieb einer der drei Jungen, imitierte, was er vom Foto kannte und rief halblaut seinen Begleitern entgegen „Heil Hitler.“ Ein älterer Passant, der ihnen entgegen kam, sprang  sofort auf den Jungen zu, lief hochrot an und brüllte: „Weißt Du überhaupt, was Du hier machst!“ Er griff ihn an der Jacke und wenig ruhiger ratterte er auf die drei verängstigten Burschen ein: „Welche Schule? Wie heißt hier? Das werde ich melden. Ich werde dafür sorgen, daß das Konsequenzen hat. Für solche wie Euch ist bei uns kein Platz!“

Graffiti Eisenhüttenstadt - Februar 2012

Hitler kaputt? Nur weil man etwas durchstreicht ist es noch lang nicht verschwunden. Bisweilen ist der Effekt sogar gegenteilig, nämlich dann, wenn das Geächtete als Gegenpol zum Etablierten von denen herangezogen werden kann, die sich im Etablierten nicht wieder finden. Zumal wenn allein schon die Anspielung genügt, um sehr viel Lärm zu schlagen.

Den Rest des Beitrags lesen »

„Um drei Uhr nachmittags ist der große Platz gesperrt. In der Mitte unseres Plattenbauviertels wird ein gigantischer Supermarkt eröffnet. Endlich.“

Mit der Supermarkteröffnung, parallel zu einem vorbereiteten Bahnsuizid, eröffnet Andrea Hanna Hünniger ihr Erinnerungsbuch Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer über das Aufwachsen im Ostdeutschland der 1990er Jahre und in gewisser Weise tauchen die Elemente der üblichen Stereotypien bei ihr auch auf. Aber etwas ist doch anders. Die Autorin berichtet nicht aus der externen Perspektive, sondern aus ihrer Biografie. Daher gehört sie natürlich eher in die Kategorie Eigenwahrnehmung Ost.

Lausitz Center Hoyerswerda

Überall ist Supermarkt. In der Mitte der Plattenbauviertel: Einkaufszentrum in Hoyerswerda.

Den Rest des Beitrags lesen »