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Ein typisches Beschreibungsmerkmal für Ostdeutschland ist der Plattenbau. Kommt ein Journalist in den Osten, landet er sogleich in monotonen Plattenbausiedlungen, meist völlig verwahrlost oder halb abgerissen. Mal davon abgesehen, dass es im Westen ebenfalls Plattenbauten und im Osten mittlerweile großflächig sanierte Altstädte gibt, kann man zwischen all dem Beton auch so einiges entdecken. Martin Maleschka zieht mit der Kamera durch ostdeutsche Neubaugebiete und hält etwas fest, das man dort nicht vermutet hätte: Kunst. Die Regelungen der DDR zur Kunst sahen vor, ein bis zwei Prozent der Bausumme für die künstlerische Ausgestaltung zu verwenden. Neben propagandistischen Wandbildern mit Friedenstaube und sozialistischem Händeschütteln entstanden so auch futuristische Formsteinwände und hypermoderne Fassaden; hinzu kamen freistehende Bronze- und Steinskulpturen.

Martin, du bist in Eisenhüttenstadt aufgewachsen. War es dadurch für dich eine Selbstverständlichkeit, sich mit der Kunst und der Architektur der DDR zu beschäftigen? Wie kamst du zur Kunst am DDR-Bau?

Nein, es ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist zu einfach gedacht. Wäre es das, würde sich jeder Gleichaltrige aus Eisenhüttenstadt für die Kunst in der Stadt interessieren. DDR-Kunst – vor allem Kunst am Bau, die mich interessiert – gibt es nicht nur in Eisenhüttenstadt, sondern auch in jeder noch so kleinen Ortschaft in Ostdeutschland. Ich denke, es ist vielmehr ein Aufeinandertreffen von verschiedenen Einflüssen verschiedener Leute und Bedingungen zu unterschiedlichen Zeiten. Es fing in meiner Jugend an. Ich interessierte mich für Kunst, Grafik, Malerei, Typographie und Graffiti. Graffiti war auch der Ursprung. Man könnte sagen: Versteht man Graffiti als Kunst am Bau, versteht man auch meine Passion für die Kunst am Bau der DDR.

Wie erklärt sich deine Vorliebe für den Plattenbau?

Ich bin den größten Teil meiner Jugend im Neubaugebiet des Wohnkomplex VII aufgewachsen. Damals war es für mich Wohnraum, den ich schlichtweg zu akzeptieren hatte. Meine Eltern waren stolz über ihre große Plattenbauwohnung. Das war 1989. Auch heute wohne ich in einer dieser seriell gefertigten und spöttisch »Arbeiterschließfach« genanntem Bauten. Vorliebe würde ich es nicht unbedingt nennen, es ist vielmehr eine strukturelle Verbundenheit zur Bauweise. Die verschiedenen Plattenbautypen (P1, P2, WBS70, Typ Erfurt, Typ Halle usw.) und viele Bauwerke der Ost-Moderne sind auf einem Raster aufgebaut. Geometrie, Rechtwinkligkeit und strukturelle Ordnung spielen für mich die tragende Rolle. Auf Studienreisen allerdings habe ich nicht nur Plattenbausiedlungen in Ostdeutschland gesehen. Paris, Berlin (Gropiusstadt & Märkisches Viertel) und Wolfsburg (Detmerode & Westhagen) beispielsweise haben riesige Plattenbausiedlungen aus den 70er-Jahren.

Wie würdest du einem »Wessi« dein Interesse an der Kunst und Architektur der DDR erklären? Schließlich handelte es sich um eine sozialistische Diktatur.

Ich möchte keine politischen Aussagen dazu treffen. Die stetig wiederholenden Symboliken und Themen wie Friedenstaube, Fortschritt in der Technik, Lebensbaum, Harmonie, Baukran, Arbeiter und glückliche Familie sind für mich ein immer noch aktuelles Thema. Wer möchte keine Arbeit haben, und wer will nicht in einer glücklichen Familie aufwachsen? Als ich 7 Jahre alt war, fiel die ›Mauer‹. Ich war zu jung um die Auswirkungen des Sozialismus zu spüren und zu begreifen. Klar waren die Kunstwerke der frühen DDR der Spiegel der SED-Politik, aber das änderte sich zunehmend. Schaut man sich Werke aus den 80er-Jahren an, stellt man fest, dass Kindergärten, Schulen und öffentliche Gebäude mit Bild-Thematiken ausgestattet wurden, die unpolitisch waren. Geschichtlich betrachtet liegt mein Fokus auf den 60er und 70er-Jahren, denn mit dem Aufkommen neuartiger serieller Bauweise veränderten sich auch die Bedingungen für die Künstler, nicht nur was den finanziellen Aspekt anbelangt. Das schnell durchgeführte Wohnungsbauprogramm der DDR ließ keine Zeit für die eher aufwändigen ›Bauernbilder‹ der 50er-Jahre in Kaseintechnik, Sgraffito oder Intarsien. Geschaffen wurden Kachel- und Klinkerfassaden und viele, viele Strukturwände. Je mehr Zeit verstrich, desto einfacher und kostengünstiger wurden die Baumaterialien und desto weniger Geld wurde für Kunst am Bau bereitgestellt – ganz klar, dass das dem ohnehin schon immerwährenden Streit zwischen Architekten und Künstlern nicht milderte. Was für mich den Reiz ausmacht, sind genau diese Produkte der Unzufriedenheit der Architekten und Künstler. Und eben genau diesen Missstand gab es so in Westdeutschland nicht.

Welches Kunstwerk gehört zu deinen absoluten Favoriten? Wo, in welchem Wohnumfeld oder Gebäude würdest du wohnen wollen, wenn du einen diesbezüglichen Wunsch frei hättest?

Es gibt viele Kunstwerke, die mich auf den ersten Blick eher formal ansprechen. Aber auch Werke, bei denen mich die Entstehung und die Herstellungsweise anspricht. Es gibt Techniken, mit denen heute nicht mehr gearbeitet wird. Das elektrostatische Beschichtungsverfahren (Glaskreusel) zum Beispiel, wo feinster Glassplitt an die Wand ›geschossen‹ wird. Für dieses neuartige Verfahren mussten erst neue Geräte entwickelt werden. Ich favorisiere die abstrakten und ornamentalen Werke. Strukturwände finde ich in dieser Hinsicht interessant, da sich schon mit kleinster Änderung der Perspektive die Struktur und damit auch die Wahrnehmung verändern. Die Varianz zwischen offen&geschlossen, innen&außen und Licht&Schatten sind für mich entscheidend. (Hätte ich einen Wunsch frei, würde sich mein Wohnort jährlich ändern. Jedes Jahr in einer anderen ostdeutschen Stadt zur intensiven Dokumentation der noch vorhandenen Kunst am Bau. Ostdeutschland gefällt mir.)

Was sagt uns die Kunst am Bau/DDR trotz ihrer überholten Ästhetik im Hier und Heute? Was wünschst du dir, wie soll damit generell umgegangen werden?

Für mich ist die Ästhetik nicht überholt. In der Mode kehrt auch alles wieder. Peter Guth beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch mit »Wandbildmüdigkeit«. Die Leute sind vielfach nur satt. Die SED glaubte damals, den Kunstgeschmack (sofern man welchen hatte) der Bürger zu kennen. Diese Kunst (bildende Kunst) musste man hinnehmen, ob man wollte oder nicht. Das Problem liegt im Umgang mit der heute noch vorhandenen DDR-Kunst. Der Staat, der diese Kunst in Auftrag gab, existiert seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Wer hat also die Entscheidungsgewalt? Ich habe auf meinen Fototouren schon oft erlebt, dass Hausmeister einer Schule die Speiseraum-Wandbilder mit Schweinchenrosa oder Hellgelb übertünchen durften. Vor allem aber ist die Frage der Instandhaltung von Kunstwerken in alter Technik schwierig.

Wie kommst du zu deinen Fotomotiven? Liest du dir die Standorte an oder machst du Stadtspaziergänge und überlässt die Entdeckung der Motive dem forcierten Zufall?

Beides. Ich durchforste alte Zeitschriften, Magazine und Bücher. Bildende Kunst, Architektur der DDR oder auch die Baukataloge der bildenden Kunst + Architektur. Einschlägige Literatur u.a. von Werner Durth und Bruno Flierl habe ich natürlich gelesen. Es gibt aber auch das ein oder andere kleine Bildarchiv im Internet. Ich stelle mir Karten am Rechner zusammen und reise mit dem Fotoapparat »bewaffnet « mit dem Fahrrad und der Bahn umher.

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Fotos: Martin Maleschka (Martin Maleschka präsentiert seine sehr schönen Fotos für alle zugänglich auf der Bildrplattform Flickr unter dem Projekttitel Kunst am Bau / DDR.
Mehr Hintergrundinfos gibt es auch bei Projekt KUNST AM BAU in der DDR.)

Autor: Roland Mischke
Titel: Warum Tom Hanks sich in Eisenhüttenstadt verliebt hat
Erschienen in: Augsburger Allgemeine (www.augsburger-allgemeine.de) (u.a.)
am: 13.01.2012
über: Eisenhüttenstadt

Man gönnt Eisenhüttenstadt den Wirbel von Herzen, den der Kurzbesuch des Schauspielers Tom Hanks Anfang Dezember letzten Jahres auslöste und der durch die dazugehörige launige Plauderei wenig später in der David-Letterman-Show noch verstärkt wurde.  Dass dieses Ereignis jedoch überhaupt derart einschlägt, erklärt sich nicht zuletzt aus der Fallhöhe von der Zentralfigur dieser Geschichte – des Weltstars aus Hollywood – und dem Handlungsort: eine mit allerlei Stereotypen stigmatisierte Stadt am östlichen Rand der Bundesrepublik. Glamour und Showkultur verbindet man mit solchen Orten eher genausowenig, wie das wirkliche Interesse an der DDR-Geschichte bei solch einer Celebrity.

Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt / III. WK im April 2011 (Foto: privat)

Der heute in verschiedenen Regionalzeitungen erschienene Bericht Roland Mischkes setzt auf diese Pointe. Naturgemäß greift er dabei auf die passenden Stereotypen zurück. Bereits in der Überschrift wird Eisenhüttenstadt ohne weiteren Anlass auf das Attribut  „SED-Ort“ reduziert. Dieses Thema wird im ersten Satz aufgegriffen:

„Stalinstadt“ sagte er lieber nicht vor den Kameras.““

Was schlicht falsch ist. Tom Hanks sagte während der Präsentation der ersten Fotografie in der Sendung: „Back in the days when it was still called Stalinstadt – no lie! …“ und trifft dabei die historische Einordnung noch sensibler als die SED-Attributierung bei Roland Mischke. Sein Text ist ansonsten vergleichsweise zahm, versucht sich punktuell in Ironie:

„die 34000-Einwohner-Kommune Eisenhüttenstadt freien Lauf, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Stalinstadt ihre Karriere als Modell für den unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus begonnen hatte.“

und weiß ansonsten genau, wie die Botschaft auszusehen hat:

„Heute ist der Industriestandort – wie viele andere in den neuen Bundesländern – marode. Einwohner verlierend, leidet er mehr an seiner Vergangenheit, als dass er von ihr profitiert.“

Faktisch ist hier wenig einzuwenden, obschon die teilweise beinah übersanierten Innenstadtbereiche ein anderes Bild vermitteln. Die Stadt hat es schwer und dies besonders aufgrund ihrer Grundanlage als sozialistische Planstadt. Das betrifft sowohl Stadtraum als auch Mentalität. Das Wort „marode“ impliziert jedoch Hoffnungslosigkeit und einen unumkehrbaren Zustand.

Unter anderem nach der Ansiedlung einer zwar nicht arbeitsplatzintensiven aber durchaus bemerkenswert großen Wellpapierfabrik lässt sich die Entwicklung so zunächst einmal nicht in Übereinstimmung mit der Bedeutung des Worts „marode“ setzen. Die Zuspitzung ist jedoch für die Dramaturgie des Artikels notwendig, denn Roland Mischke berichtet gegen Ende des Textes:

„Hanks betonte bei David Letterman, er habe sich vor allem für die Architektur interessiert und das Leben der Menschen in einer Stadt, die im Sozialismus groß herauskommen sollte. Dass sie nun dahinsiecht, er aber in der relativen Perspektivlosigkeit für einen Adrenalinschub sorgen konnte, nimmt er froh und gelassen hin.“

„[G]roß herauskommen“ erscheint hier ebenfalls als semantische Beugung des Planstadtsgedanken und vernachlässigt, dass sowohl die Stadt ihren Popularitätshöhepunkt schon überschritten hatte, als sie 1961 zu Eisenhüttenstadt wurde. Sie kam bereits im frühen DDR-Sozialismus groß heraus und war natürlich auch in der Folge stabiler Bestandteil des Aufbau-Narrativs der Deutschen Demokratischen Republik.

Wichtig für die Vorstellungswelt des Artikels ist der Eindruck, dass die Stadt ein Star werden sollte. Denn damit wird die Analogie zu Tom Hanks aufgebaut, der einen solchen Status repräsentiert. Während Tom Hanks erfolgreich ist, ist Eisenhüttenstadt gescheitert und im Siechtum. Die spannende Frage im Subtext des Artikels baut auf dieser Diskrepanz:  Er ist ein Star – holt er sie raus?

Natürlich nicht. Aber, so die Rolle von Tom Hanks laut der Interpretation Roland Mischkes, er sorgt für Aufregung, belebt also die Stadt im Niedergang, wenn auch mehr für den Moment, wieder. Und ganz souverän, „froh und gelassen“ steht der sympathische Schauspieler über den Dingen.

„Das Studiopublikum applaudierte.“

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