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Nicht immer wird die Klischee-Kiste zu Ostdeutschland mit großem Bohei und als Leitartikel aufgestoßen. Manchmal schleicht sie sich auch als kleine Spitze in den Einstieg eines solchen. Den jeweiligen JournalistInnen ist gar nicht viel vorzuwerfen, außer vielleicht, dass sie der Dramaturgie und Zuspitzung wegen ein staubiges Vorurteil in der Welt halten.

Der gebürtigen Münchnerin (im Fall dieses Weblogs sind solche Details nicht unerheblich, denn eine gebürtige Wriezenerin hätte möglicherweise andere erste Zeilen gefunden) Christiane Schlötzer von der Süddeutschen Zeitung eröffnet ihr Seite Drei-Porträt des gebürtigen Sulzers, späteren CDU-Politikers und aktuellen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtels mit einer bemerkenswerten Erinnerung an die Zeit, als man Ost und West noch in Schwarz und Weiß wahrnahm. Hans-Joachim Fuchtel operiert derzeit im besonderen Auftrag in Griechenland, nachdem er dereinst Brandenburg in Schwung brachte. Und entsprechend setzt man in den „Merkels Geheimwaffe“ betitelten Text mit einer bestechend finsteren Erinnerung ein:

„Der Mann hat eine Ringkämpfer-Statur, weshalb man ihm so viel Empfindlichkeit erst einmal gar nicht zutraut. Angela Merkels Spezialagent für das Atmosphärische hält die Nase in den Nachtwind und schnuppert Vertrautes. „Frankfurt Oder“, sagt Hans-Joachim Fuchtel. „Braunkohle“. Ein stechender Geruch liegt in der schwülen Luft. Die Erinnerung trägt den schweren Mann fort. Damals, sagt Fuchtel, als fast der ganze deutsche Osten noch ein Sanierungsfall war, habe er sich einen Tropfen Heilpflanzenöl aufs Oberlippenbärtchen geträufelt, wenn er im märkischen Kohlerevier unterwegs war. Dann war der böse Gestank weg.“ (Christiane Schlötzer: Merkels Geheimwaffe. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 162, 16.Juli 2012, S.3)

Freilich muss der Vorwurf an Christiane Schlötzer weniger sein, dass sie Despektierliches über Ostdeutschland präsentiert, sondern dass sie mit ihrer kleinen bissigen Bloßstellung den Mann der „weiß, was Spott ist“ (so die alberne Unterschrift zum nicht unbedingt perfekten Foto des Politikers, der in wirklich keiner Hinsicht an einen Ringkämpfer gemahnt) wie einen schlachtreifen Bullen in die Stierkampfarena führt. Die ölige Überheblichkeit hinter der Anekdote macht den Sanierungshandlungsreisenden („Net schwätze, schaffe.“) in einer Weise zum unsympathischsten Politiker des Tages, dass er einem schon beinah wieder leid tut, mit seiner übersensiblen Nase, die offensichtlich nur sauberste Schwarzwälder Morgenluft zu wittern gewohnt war, und seiner barthaarigen Fehleinschätzung, Frankfurt/Oder gehörte zum Kohlerevier der Mark.

Viel Kohle ist dort trotz aller Erschließungs- und Sanierungsanstrengungen bis heute kaum zu holen. Wenn man nun im Nachhinein dank Süddeutscher Zeitung erfährt, wer unter anderem zum Aufbaukampf in den Gestank des deutschen Ostens geschickt wurde, staunt man ein bisschen weniger darüber, dass die Transformation der sozialistischen Bezirksstadt zu einer Universitätsmetropole im Spätkapitalismus nicht in jeder Hinsicht perfekt verlief. Oder aber, dass sie überhaupt soweit gelang.

Frankfurt/Oder ist heute eine sympathische kleine Stadt mit sauberen Straßen, herzlichem Kleist-Gedenken, einer frischen Brise überm Grenzfluss und einigen äußerst klugen Köpfen in der Viadrina und damit gar nicht so schlecht aufgestellt. Wirtschaftlich hebt die Region allerdings nach wie vor eher nicht ab. Dennoch wünscht sich natürlich niemand irgendeine alte Zeit zurück. Und die Tage, in denen Sulzer japanische Heilöltröpfler auszogen, um statt zu schwätze zu schaffe und also mit Tat und Rat den Westen im Osten zu entfalten, zählen unbedingt dazu.

♪♫ Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm‘! ♪♫♪
(Claire Waldoff-Astoria)

Bahnhof Frankfurt (Oder)

Zug um Zug aufs Abstellgleis: Roger Willemsen kam mit der Bahn nach Frankfurt (Oder)

Autor: Roger Willemsen
Titel: Deutschlandreise (S. 69–73)
Erschienen bei: Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
im Jahr: 2002
über: Frankfurt an der Oder

Zu Beginn eine Selbstoffenbarung. Roger Willemsen war mal so allgegenwärtig, dass man sich gezwungen sah, eine Meinung über ihn auszubilden. Willemsen polarisiert: entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Um meine Meinung über ihn etwas zu objektivieren, frage ich in meinem sozialen Umfeld, was haltet ihr von Roger Willemsen? Alles Roger? »Deutschlands Vorzeigeintellektueller.« – »War der nicht mal mit Guido Westerwelle zusammen?« – »Quatsch, mit Sandra Maischberger.« – »Belletristik ist nicht so seins, aber seine Rezensionen lese ich gern, die kann er gut.«

Hier eine Rezension von mir, allerdings bezogen auf einen kleinen Ausschnitt aus der Deutschlandreise, Willemsens Buchreport von 2002. Das ist schon ein Weilchen her, aber es soll in diesem Blog auch um die Kontinuität gehen, den Osten in ewig gleichen Stereotypen und Vorurteilen darzustellen. Der besagte Abschnitt behandelt Frankfurt (Oder), und er behandelt die Stadt schlecht. Nun ist die Deutschlandreise ein sehr subjektives Produkt, wie bereits der erste Satz klarmacht: »Ich sitze im Zug und fahre weit weg.«

Roger Willemsen bereiste das Land als beobachtender Dichter und unterlag somit keiner journalistischen Sorgfaltspflicht. Allerdings unterlag dafür die Poesie, denn was da so aus seiner Feder floss, war äußerst schwarze Tinte. Die Äcker im Osten sind Narben in der Landschaft, der Boden im Hinterland der alten DDR sieht »sauer und grämlich« aus, die Oder mit ihren toten Armen ist »braun und schmuddelig«, die Häuser »gehässig renovierte Kleinodien«. Elke Heidenreich, die das Buch aus Zeitgründen vermutlich nur rasch überflogen hat, jubelt auf der Rückseite:

Eine grandios erzählte Reise ins Innerste eines Landes, das unser Land ist, bereist von einem Autor, der Klischees nicht auf den Leim geht…

Der Autor, der in Talkshows durchaus eloquent und intelligent auftritt, geht nicht auf dem Leim, er klebt förmlich. Meistens kämpft er mit der Sprache, ziemlich oft verliert er. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, ein Schreibautomat, programmiert mit dem Vokabular der üblen Laune, habe den Text erscrabbelt. Zwischendrin schildert Willemsen einen Bordellbesuch, liest den Raubdruck eines obszönen Buches und erwähnt hie und da Worte wie »Sex«, »Porno« oder »Prostituierte«. Klar, der Leser soll bei der Stange (beim Stängel?) gehalten werden. Wer die Deutschlandreise liest, erfährt nichts über das Innerste von Deutschland, wohl aber einiges über das Innerste von Roger Willemsen (um 2002). Was hat nun der Dichter zur Stadt an der Oder zu sagen?

Frankfurt (Oder) ist da, eine dieser im Stich gelassenen Städte. Wenn nicht Manfred Wolke hier einen Boxstall unterhielte, wenn nicht der »SPIEGEL-TV«-Exportschlager »Grenzprostitution« dem Ort das Verruchte verliehe, was wäre Frankfurt (Oder)? Eine Stadt, über der die Dunstglocke des Asozialen hinge, der Geruch der Kleinbürger, ein Mahnmal für die »Verlierer der Einheit«.

Das gleich als Einstieg. Okay, der Mann ist in der (ehemaligen) Bundeshauptstadt Bonn zur Welt gekommen und hat in Florenz, München und Wien studiert. Frankfurt beleidigt da einfach nur das ästhetische Empfinden des Welterfahrenen. Es begrüßen ihn Kioskkultur, Dosenbier, Jogginganzüge und »George Grosz’sche Kleinbürger-Karikaturen« (selber!). Viel lieber hätte er mit Sophie Marceau auf dem Sofa gesessen und der Jazzmusike, die Herbie Hancock und Michel Petrucciani für ihn im Hintergrund spielen, gelauscht. Verständlich. Wie geht es weiter? Der Dichter wird dreist und schimpft über Kleist:

Muss man tot und bedeutend sein, um in Frankfurt/Oder so gut zu wohnen? Was dieser Kleist die Stadt gekostet hat, und zum Dank beherbergt er Ausländer und kriegt auch noch ein Denkmal. Oder eher einen Sarkophag samt einem lyrisch hingestreckten Bekränzten mit Leier ohne Saiten.

Was folgt, ist Genörgel und Geschwafel. Grundtenor: Alles schlecht. Angesichts dreier Angler am Oderufer stellt er sich und uns die nächstliegende Frage:

Wer wäre noch erstaunt, Menschen hier zu finden, die mit Handkantenschlägen Kaninchen schlachten?

Aha. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Roger Willemsen nicht nur Frankfurt (Oder) bzw. Ostdeutschland wenig ansprechend fand, sondern dass diese Sprache der rote Faden auf der ganzen Deutschlandreise ist/war. Mit so einem Griesgram möchte man keine drei Tage Urlaub machen, mit Ausnahme er bezahlt! Vom protestantischen Meer zu den katholischen Bergen – ganz Deutschland ist bei Willemsen ein düsteres Drecknest! Vielleicht lag’s am Reisemonat, vielleicht an mangelnder Triebabfuhr (das Sex-Thema zieht sich so durchs Buch), vielleicht ist der Text auch eine Anspielung oder gar Parodie auf etwas von Heine oder Brecht oder Ironie? Das habe ich mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.

Als Fremder sucht man immerzu das Eigentliche, irgendetwas, was hinter allem ist, das Wesentliche, aber man kommt nur durch Fassaden und Tapetentüren.

Darauf möchte ich nur mit einem Zitat antworten: Niemand ist so blind, wie einer, der nicht sehen will. Guten Abend!

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